Nature und Space Writing

Schreiben über Natur und Raum

Wie schreiben über „die Natur“, diese Mehrfach-Erfindung der europäischen Kultur, entwickelt aus dem mittelhochdeutschen natûre (die angeborene Art, der Instinkt, der Geschlechtstrieb)?

Bald bezeichnete der Begriff das Wilde und Ungezähmte jenseits der Burg und der Meere, meinte Bedrohung, Reichtum und Faszination.

„Natur“ war und ist, was sich dem reinen Verstand und Wissen entzieht.

Es befeuert Träume von Bezähmung und Herrschaft. Der Landschaftsgarten erzählt davon ebenso wie die wissenschaftlich-abenteuerlichen Expeditionen des 19. Jahrhunderts und die romantische Bewunderung des Erhabenen, das auf den höchsten Gipfeln der Welt, in Ruinen und Nebeln gesucht wurde. Wie sprechen und schreiben von dieser angeblich der Kultur entgegengesetzten Natur, die doch alles Lebendige ist, das uns umgibt, und uns einschließt, auch wenn wir sie gern als unser „Anderes“ betrachten: jenen Raum, in den wir Schadstoffe und Gifte entlassen, den wir benutzen und verbrauchen.

Da spüren wir sie: unsere Ausgesetztheit

unter die Kräfte des Himmels und der Erde, der Wolken, Vulkane und all jener anderen Wesen, mit denen wir den Planeten teilen. Und ebenso unsere Zugehörigkeit. Unsere Fähigkeit, von diesem Anderen berührt zu sein und es in uns zu bewahren.

Ich nenne diese Berührtheit Schönheit. Nature writing ist für mich der Versuch, die besondere Schönheit eines konkreten Stückes Natur in Worten, Sätzen und Rhythmus auszudrücken. Nicht vorrangig der Wanderpfad, das Abenteuer, die Entdeckung, sondern vor allem die Antwort eines Textes auf wahrgenommene Landschaft, auf ein Außen, das Leben enthält – es mag groß oder sehr klein, sichtbar oder verborgen sein -, das Spuren hinterlässt und in diesen Spuren spricht. Die Formidee zu Mein Hiddensee – kurze Erzähleinheiten, unterbrochen von Hundert-Wörter-Bildern – stammte aus der Landschaft der Insel selbst. Die Kapitel bewahren den Rhythmus des Gehens, der Bewegung auf der Insel mit und gegen den ständigen Wind, das Glitzern des Meeres um ihren Saum, die Dunkelheit ihres Waldes.

Wie bauen, wohnen, leben wir?

Eine Spiegelseite dieser Bezugnahme auf „Natur“ ist mein Interesse an Städten. Heimat bildet ein zentrales Thema meiner Prosa. Angesichts von Migration und Globalisierung scheint es immer wichtiger, die Fähigkeit zu entwickeln sich selbst zu beheimaten. Haus- und Nestbau also.

Wohnen heißt im Englischen schlicht „live“. Das Deutsche hingegen führt eine Unterscheidung ein. Welche Bedeutung kommt ihr zu? Zuhause sein, heimlich und heimisch. Städte sind als Ansammlungen von Menschen und Bewegung, von Verstecken und Offenheit. Wie kommen Atmosphären zustande?

Mein Hiddensee und London–Lieblingsorte erkunden Möglichkeiten von Nature und Space Writing.

Welche Stichworte oder Schlüssel gibt einem eine bestimmte Stadt selbst an die Hand? Das Londonbuch (Lieblingsorte–London) entwickelte sich aus dieser Frage. So folgt es dem Lauf der Themse von Westen nach Osten, lässt die Stadt von ihren Ufern aus entstehen. Um Zugänge zu eröffnen jenseits der Karten; Zugänge, die die Gegenwart im Licht der Geschichten lesen, die sich an einem Ort zugetragen haben und dabei zugleich seine Topographie, seine Gerüche, seine Nachtlichter und Gedenkstätten, Konsumtempel, Tunnel und Türme erforschen.

Geschichten lesen, ihre Speicher und Speicherungsformen. Ihre Arten von Gedächtnis erkunden.

Ich lebe seit 20 Jahren in Berlin, Prenzlauer Berg. Zumindest wenn ich in Deutschland bin. Viele meiner Erzählungen sind Beobachtungs-Briefe aus diesem Bio- und Soziotop. Die Titelgeschichte des Bandes Hot Dogs wäre ohne Berliner Straßenbegegnungen niemals entstanden. Die Figur Gina Regina, die in Hot Dogs und Richtig liegen vorkommt, verdankt sich Berlin ebenso wie die Figur Rosa Maregg, Gregor Samsas jüngste Schwester, der Berlin die richtigen Ideen für den Umgang mit dem Käfer-Bruder eingibt.

Bücher zum Thema „Nature und Space Writing“