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space poem - eine Gedicht-Raum-Installation

Konzept | Gedicht | Durchführungen

Die mehrschichtige Sinnlichkeit des Gedichtes, das immer Kunstwerk für Auge und Gehör ist, wird konkret erfahrbar gemacht und um eine Dimension erweitert, wenn manText, im Wortsinn, begehbar macht. Neben Ohr und Auge öffnet sich das Gedicht dadurch dem Orientierungs- und Gleichgewichtssinn. Auch seine Gestalt in verschiedenen Sprachen (deutsch, englisch, chinesisch bzw. bengali) kann auf diese Weise in ein Bild umgesetzt werden.

Gedichte sind immer auch räumliche Gebilde, wenn dies auch auf der zweidimensionalen Fläche des Buches schwer zu erkennen ist. Die Rauminstallation eines Gedichtes - gedacht als Einbringung des poetischen Wort- und Struktur"materials" in einen konkreten Raum - ruft diese Eigenheit von Gedichten ins Gedächtnis. bringt sie dem Körper bei. Zugleich erscheint das Gedicht in mehrfachem Sinn als Übersetzung: die Übersetzung eines Zustandes, Gefühls, einer Erfahrung oder Konstellation, die keinen Namen hat, in Sprache. Die Übersetzung dieser Sprache in Bilde rund Bewegung. Die übersetzung dieser Sprache in eine andere Wortsprache. Die Übersetzung in einen fremde Kulturraum.

Die geplanten Installationen folgen zwei Achsen (und setzen sie natürlich auch zueinander ins Verhältnis): einer eher semantischen und einer eher lautlich/rhythmischen.

Im Hinblick auf die Semantik ist an ein Legen von Wortlinien gedacht, die die durch Assoziationen oder Wortfeldzusammengehörigkeiten gegebenen Verbindungen zwischen Einzelwörtern im Gedicht sichtbar machen. Beispielsweise durch eine Hintereinanderstaffelung von Transparenten oder durch Ein- bzw. Überblendungen. So wird der "Verdichtungsprozeß" des Gedichtes durch ein anderes künstlerisches Mittel aufgedeckt und kommentiert. Zugleich kann durch die Arbeit um Raum der Entstehungsprozess des Gedichtes aufgedeckt werden. Das Text im Buch als fertiges Gebilde ist in dieser einen Form stets eine Illusion. Die Installation erfaßt, auch durch die diversen soundtracks auf einer eigens produzierten cd, das Werden des Textes und löst seine Blockhaftigkeit auf. Das Werden eines Gedichtes ist immer schon bestimmt von dem Gedicht; es aufzuzeigen bedeutet, die Nahtstellen seines "Gemacht werdens" noch einmal abzugehen. So wird die Installation zu einem eigenen Forschungsvorhaben: eine Spurensuche danach, wie sich aus einem konkreten Ort (in dem gewählten Gedicht der Savignyplatz in Berlin) - aus seinen Geräuschen, Gerüchen und Menschen - Laute herauskristallisieren, Rhythmen bilden, Szenen bzw. Motive entstehen.

Das bereits fertige Gedicht bahn übern bogen wird darüber hinaus durch den Raum, in den es gestellt wird, verändert. Andreas Schmid geht in seiner Arbeit stets auf die geographischen, historischen, wirtschaftlichen etc. Um-Stände des Ausstellungsortes ein. Aspekte davon werden in die Arbeit integriert. Für das Gedicht heißt das, daß durch die Rauminstallation eine neue Möglichkeit entsteht: es wird nicht einfach an einen fremden Ort verfrachtet und dort einmal vorgelesen, sondern kann, als deutsches Gedicht, unverändert in seiner Lautung, deoch berührt in seinem Kontext, mit dem chinesischen oder indischen, jedenfalls aber fremden Raum, verbunden werden. Aus diesem Grund wurde für das Projekt ein Gedicht über Berlin ausgewählt. Es bezieht sich auf die west-östliche Mischung des Publikums am Savignyplatz, deutsche Geschichte und Philosophie, die Geräusche der die Stadt durchquerenden S-Bahn, und erstellt eine in Strophenschichtungen sich entwickelnde Topographie dieses Berliner Ortes.

Der Raum "Savignyplatz" wird in den Installationen durch drei oder vier verschiedene Audio-Files sowie verfremdete Schwarz-Weiß-Fotographien präsent sein. Flexibel ist derUmgang mit Zeit in der geplanten Installation. Dies wird vor allem auch von den vorgefundenen Räumlichkeiten abhängen. Einer (möglichen) Achse des Hindurchgehens soll eine Verwandlung des Gedichtes in einen multilingualen Raum zur Seite stehen - die Verwandlung von einem hierarchischen Gebilde (oben/unten) in ein Feld. Zudem wird durch Licht/Schatten- Führung bezug auf die unmittelbare Umgebung des Installationsraumes genommen. Geplant ist dabei die Einrichtung/Bespielung verschiedener Räume in lautlicher und/oder bildlicher Interaktion.

Konzept | Gedicht | Durchführungen

bahn übern bogen
(savignyplatz, berlin)

blinkt
bar & busen
blinkt
buntgestreifte domina
stellt sich
auf,
auf: die

straßen ohne regung, rollen
lippen, licken, rollen
schwarze strümpfe über
hüften, lippen

warten ohne regung: straßen,
lecken krusten ganz
im strumpf semipermeabel
schwarze linien

blinkt,
was ein gesicht
war zwei brüste,
blinkt bar &
code: sie

wechselt das standbein
stumm gleiten passanten
die blicke ab rattert
bahn übern bogen

polster, plüsch nebenan
café hegel, happy hour
schnippt der kellner
reich wie runter,

lallt verirrter GI
von glimpses & glucks,
sie den stiefel
hoch die hüfte

vor: die
taxifahrer reden ost,
was fakt ist ist fakt,
take-away an der ecke

riecht wie nasses papier
pope mit geschlossenen augen
steht sich, madonnenbereich,
beine in den bauch

rattert bahn übern bogen,
handschuh, glatt, weiß, zeigt
kahle büsche voller kameras
schwanken klicken los

richtung
kant-straße
rollt
der kindische geist von
professor savigny

leise kichernd dass
er et
-was verg-
essen hat

hunger was
geschichte war
scharfe eß-bahnen
(& wie er da lacht)

blinkt
vom pappteller
in seiner hand
unleserlich
blinkt
ein chinesisches
zeichen

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Calcutta

2.3.-16.3.2002 Goethe-Institut Calcutta

Calcutta

Calcutta

Calcutta

Calcutta

Calcutta

© 2002 Andreas Schmid