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Annette Schlünz
Lichtpause
(2005) DE

Musik im Raum für Sopran, Klarinette, Trompete, Akkordeon, Violine, Violoncello, Percussion, Videofilme
Texte: Ulrike Draesner, Charles Pennequin, Christophe Tarkos
Video: Thierry Aué
(40’)

Annette Schlünz zu ihrer Komposition Lichtpause

"Lichtpause ist ein anderes Wort für Dunkelheit", so Ulrike Draesner über den Titel ihres 1998 erschienenen Romans, der vom Ausgeschlossensein und Wundreiben eines Kindes spricht, das den Betrug in den Begriffen entdeckt und grübelt, was eine Pause ist: "die Zeit geht weiter und bleibt zugleich stehen". Dies ist der Bezug zum Roman, in der Komposition selbst findet sich einzig ihr Text tempelhof (splitter, 8 säulen, gang) aus dem neuen Gedichtband "kugelblitz".

Wo ist die Grenze zwischen der als Aussenwelt verstandenen Realität und der Wahrnehmung unseres Seins, den Erinnerungen, den Träumen, der Einbildung, dem Virtuellen? Ist die Welt in unserem Kopf oder ist der Kopf in der Welt? Diese ihre Fragen könnte auch Charles Pennequin gestellt haben, der in seinem Buch dedans (1999) auf 85 Seiten nach einer Antwort sucht: Es muss aufhören. Man muss zu sich zurück kommen. Fünf Minuten. Ich zähle. Man muss den Kopf verschnaufen lassen. Nicht mehr irgendwie denken. Ich muss aufhören,in alle Richtungen zu denken. Ich muss mich auf meinen Kopf konzentrieren. (…) Ich denke an nichts, denkend an alles zu denken. (…) Ich muss an meinen Kopf denken. Dass ich mich zu ihm gehen lasse. Dass ich zu ihm komme. Ich renne. Ich bin drinnen.

Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Dichtern spielt seit mehr als 15 Jahren eine wichtige Rolle in meiner Arbeit. Das Schreiben der Dichter für eine konkrete musikalische Idee bestimmt letztendlich die musikalische Struktur selbst.
Lichtpause setzt diese Zusammenarbeit mit Ulrike Draesner in Konfrontation mit den Texten der französischen Poeten Charles Pennequin und Christophe Tarkos (mit dem ich seit 1999 arbeitete) fort. Ich spiele auf dieses "Zwischen-den-Dingen" an, das zwischen den Sprachen sein ("le mot mot ne veut rien dire" Tarkos). Beide Sprachen, beide Kulturen, die mir eigen sind, in denen ich lebe, die mich meine eigenen Wurzeln finden lassen und sie gleichzeitig in Frage stellen, die Wände, die wir uns oft in den zwischenmenschlichen Beziehungen aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten, auch in der uns eigenen Sprache, errichten, bilden den Hintergrund der musikalischen Komposition.

Die Zusammenarbeit Komponistin - DichterInnen wird durch die visuelle Dimension erweitert. Thierry Aué, der Bild und Raum kreiert, aber auf die in der Partitur vorgegebenen Bewegungen der Musiker reagieren muss, wurde von Anfang an in die textlich-musikalische Arbeit einbezogen, um ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Disziplinen zu finden. Filme und Musik entstanden zum grossen Teil parallel.

Uns interessiert in erster Linie eine räumliche Beziehung zwischen den Ausführenden, der Musik, der Poesie, dem Bild.

In der Musik finden sich häufige Tempowechsel und Pulsunterteilungen wie bei einer sich ständig zusammenziehenden und sich ausdehnenden Zeit. Dabei versuche ich die Momente des Übergangs zu finden zwischen konstanter Bewegung und Stillstand, einer Unbeweglichkeit, die unmöglich ist, weil alles zeitlich ist. Der Moment des Umschlagens interessiert mich.

Zur live-Musik und vereinzelten Sounds im Video kommt die Stimme Pennequins im Film und auf dem Diktaphone, mit dem er in seinen eigenen Performances improvisiert und das Gedicht Draesners, von ihr selbst gelesen, beide im Dialog mit der Sängerin, die wiederum die Verbindung mit ihren eigenen Tönen (gesprochen, geflüstert, gesungen) herstellt. Immer wieder Suchen, Warten, bis am Ende Tarkos mit seinem Text die "Brücke" schlägt. (Annette Schlünz)