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Was könnte ein Gedicht heute sein?

Ein Ornament, Zeitvertreib, ein Quickie im Datengewühl, ein bißchen Gefühl? Anachronistisch, oder beschleunigt, ein Stückchen Gesang aus einer anderen Zeit?

Vielleicht muß man nicht fragen, was ein Gedicht sein könnte, sondern wie etwas überhaupt zu einem Gedicht wird.

Aber das weiß niemand.

Doch eines ist möglich: was das Gedicht sein könnte aus dem, was es war, verändernd zu erfinden.

Wir sitzen obenauf, Zwerge auf den Schultern der Riesen. So wurde das schon im Mittelalter empfunden, zurecht, angesichts der heute gewußten, wenn auch nicht vorstellbaren 20 Milliarden Jahre Erdgeschichte. Wir sind ein kleiner Atem; Atem in Sprache.

Die Stichwörter heißen: Anrufung, Körper, Fläche und Feld. Heißen Schrei, Tierlaut, "Wunder". Natur und Ich, Rhythmus und Musik.

Nichts existiert unabhängig von dem Raum, in dem es erscheint. Das Gedicht als Stimme ist abhängig von den Stimmen, die es ander-weitig gibt: Stimmen, die über Satellit einmal um die Erdkugel hüpfen, sich verknäuelnd, in sich selbst zusammengerollt, um 3 Meter neben mir im Handy anzukommen; Stimmen, die aus Reality gefütterten Fernsehprogrammen quellen, Stimmen, die stöhnen und schreien, Stimmen, die sich fürs therapeutische Klonen stark machen und uns die Abfolge von ACTG segmentieren, Stimmen, die sich leise erinnern, Stimmen Stimmen - im medialen Gewimmel des Jetzt.

Gedicht: die Kreuzung von Sprachen. Die Kreuzung von Sprache und einem UND. Dem uneinholbaren Punkt der Begegnung mit Lebendigem, wo Text schmilzt, Sprache weich und hart wird zugleich. Manche reden von Magie, wo Wörter an ihr Ende kommen, und Verweisen endet zugunsten eines Seins - entlanggehangelt am alten Traum von derInkarnation, der Hostie, wo das Wort zur Scheibe wird, die Fleisch ist, und heute würde man fragen: wie klingt sie, wenn man sie in ein digitales Gerät legt und ihren Rillen lauscht? Das weiße Rauschen, der Gottesklon? So wird, frisch angekommen in einem neuen Jahrhundert, noch recht naß und von Geburtsflaum übersät, in der Fachsprache der Biologie, wie der Mensch sie begreift, von eben demselben wie in der Literatur aus einer anderen Richtung geträumt. Dort, wo die Linien sich kreuzen und etwas vergessen wurde, aber erscheint eine Frage: wie schreibt sich das Alphabet in (unseren) Zellen und was jagt es uns ein? Und im Gefolge dieser Frage, als angeschleppter angesteppter Horizont, gerade eben erst sichtbar, versteckt in ein langes, aber zerschneidbares Tuch erscheint das Gedicht.

Ich sage nicht, was es ist. In einer Welt, in der sich selbst Gegenstände zunehmend in Ereignisse auflösen, und die Physiker von 11-dimensionalen String-Universen sprechen, wäre das ein dummer Versuch. Ich versuche, einen Raum zu zeigen, in dem ein Gedicht entstehen und hörbar sein könnte. Wörter, die klingne wie Pallaksch oder Schibboleth. Sie kennen Manuskriptseiten, die aussehen, als wäre da eine kleiner Kometenhagel aus Wörtern eingeschlagen? Ahnen etwas von der suchendtasatenden Bewegung darin? Verstehen, wie Sprache Material werden kann als Laut und Bedeutung zugleich, wie sie sich den Raum baut, indem sie selbst erscheint?

Wir machen eine Reise.

Eine indische Stadt. Irres Gewusel. Magere, wild herumstreifende Zebukühe, die Müll kauen. Fahrradrickschas, dreirädrige Autos, holprige Straßen, Menschen, Hunde, fedrig rot blühende Bäume, die Schreie des bulbul-Vogels, ein tanzendes Affenpärchen an roten Halsbändern, Menschen, Menschen, die auf der Straße gehen, stehen, liegen, kacken, schlafen, hocken, dunkelgelbe Mangos auf Tüchern vor sich, weiße, tiefgerillte Chuckoos, saftige Jamruls. Immer engere Straßen, Gäßchen, Holpereien, zu Fuß weiter, schieben, Händler, tausend Sprachen, Enge, Kinder, die Wachskerzenboote verkaufen, der Fluss?, Händler, vom Wind herangetragener Gesang, knirschende Lautsprecher, hinduistische Gebete, wieder fort, Gewinkel, Hauskanten, um die Ecke, Kabel, Internetläden, Marktschreier, orange Farbtöpfe, Haarschmuck, kleine Vishnu-Statuen, buntbunte Poster der Götterwelt, glitschiger Boden. Die Straße plötzlich zu Ende, eine Kinderschar, die dich weiterführt, um Ecken, Gewinkel, Gewimmel, nichts zu sehen, Currypulversäcke auf einer Bank, braun, dunkelrot, hellorange, Gerberablüten, plötzlich Geschrei, flatternde Bänder, eine Trage, Tücher und Glitzerfolien. Heißer Tee aus verbeulten Alukannen, Männer auf dem Boden beim Schach, um die Ecke biegen, um die Ecke, kein Stadtplan, nur das Gewirr der Straßen, Sprachen, Gesichter, heiße Samosas, Pickles, grüne Papageien, auffliegend, schreiend, Gewusel, Dasein, um die Ecke - und da ist der Fluss. Offen, hell, das blaubeige glimmende Ufer des Ganges auf der gegenüberliegenden Seite. Die sich zum hiesigen Ufer in breiten Treppenläufen 32x ergießende, weich auslappende Stadt. Ruderboote auf dem Ganges, aber sein gegenüberliegendes Ufer ist ganz leer, nur Sand. Als käme etwas zu Ende, als finge etwas an. Man kann alles fotografieren, anhören, daran teilnehmen, egal, wer man ist, woher man kommt. Man kann sich morgens auf dem Ganges auf- und abrudern lassen, wenn die frühe Sonne auf die Sandsteinfassaden der prächtigen Paläste an den Ghats fällt, einiger Mogulen und Maharadschas Hinterlassenschaft, fällt auf die neue und alte Welt, Kabel und Lautsprecher, mönchische Zeremonienmeister und fliegende Händler. Man darf überall hin, soll kaufen, fotografieren, während andere sich waschen und beten, alles zusammen, kein Problem - eine flache, wenigstens an der Oberfläche friedliche Welt. Man wird auch an das Ghat gerudert, an dem die Verbrennungen stattfinden. Man wird am Rand stehen und zusehen. Man wird die Kamera wegstecken müssen. Alles ist erlaubt, alles ist kaufbar, nicht aber die Seele: hier wird nicht fotografiert. Da steht man und schaut, ganz allein, ganz mit den eigenen Augen. Und alles ist da, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, die eigene, und fremde, der Körper, das schlagende Herz. Und alles ist, wie sonst in der Stadt: Kinder, Hunde, Kühe, Leute, die hier arbeiten, alles voll. Rauch von den Scheiterhaufen, die lange glühen, die bunten, hierher getragenen Glitzertücher von vorhin. Du wirst schauen. Und in der Luft wird etwas sein wie etwas Ausgeschnittenes. Als hätte die Luft einen unsichtbaren, aber sehr wohl fühlbaren Rahmen: hier keine Abbildung. Hier medienfrei. Kein Lautsprecher, kein Film, kein Radio, keine Kamera. Dieser "ausgeschnittene" Raum ist nicht zu sehen, aber zu fühlen: wie er von allem Rest abgesondert ist, und doch mit dem, was ihn umgibt, verbunden - natürlich, in es eingelagert, aber darin: eine Besonderheit, verbunden mit Körperlichkeit und Erinnerung, Trauer und Leben, Intimität und Öffentlichkeit, Liebe und Gier, Schweigen und Gesang, Tradition, Ritual, Heiligkeit und Profanität - ausgeschnitten aus der Aufzeichnung - und daher frei als RAUM für eine andere Art der Erinnerung, der Sprache, für Zu-Stand und Zu-griff des Daseins, auf uns - als schwämmen mit großen Augen und unendlichen Händen die Götter im Fluss lächelnd vorbei, und dächten in einem "noch" uns wohl.

Rede zur Verleihung des
Friedrich Hölderlin Förderpreises 2001