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Hey man, calm down!

Verstehen heißt zittern
Harold Brodkey, Unschuld

Hütten, Krähen, Hitze, Hupen - Calcutta. Es gibt Städte, die verschwinden, wenn man sie betritt. Gesichter klein groß braun weiß oben unten ringsum. Sich am Busfenster krümmende Hände, Rufe, Turbane, Karabiner aus dem 2. WK, Männer, die Rikschas ziehen, Hupen. Bunsenbrenner, Betonstrukturen, Bambusgerüste, Menschen wie Ameisen darauf. Hupen, Händler, Schreie. Der Gepäckwallah reicht mir bis zur Brust, faltiges Gesicht, fantastisch wache Augen. Wie er muß man sich hier bewegen, elegant, selbstverständlich, aber auf Staub, im Dreck. Wer stärker ist, kommt durch.

Calcutta, kommunistisch seit über 30 Jahren, ist seit der Teilung Indiens eine Stadt ohne Hinterland, abgeschnitten vom Juteanbau in Bangladesch, eine Stadt im industriellen Niedergang. Langsam im Vergleich zu Bombay, klein geradezu mit "nur" 12 Millionen (gezählten) Einwohnern. Eine stolze Stadt, geschmückt mit Mythen und Parolen. Ich erkenne die Roter-Stern-Graffitis, die heroischen Gesichter bengalischer Freiheitshelden. Neben ihnen Mutter Theresa oder eine der vielen hinduistischen Göttinnen. Strahlenkränze. Ideologie.

Calcutta, ein lethargischer Überfall. Die Geschichte einer Überwältigung, die die Stadt dem Besucher schenkt, zugleich aber auch immer gegen sich selbst richtet, eine Spirale, nach innen gewunden, ins Herz. Erzeugt durch Masse und Geschichte, Gewohnheit, Hitze und Schlamm.

Eine Stadt ohne Anfang, ohne Ende. Calcutta ist stets fühl-riech-tast-schmeckbar, nur sehen kann man fast nichts. Der Flughafen heißt Dum Dum, weil er neben der Munitionsfabrik liegt, die die entsprechenden Geschosse herstellte. Auf Kloaken treiben Seerosen, Bougainvillen blühen, in riesigen Abfallhaufen wühlen Menschen und Krähen. Der indische Kuckuck ruft. Kleine grüne Beerenfrüchte liegen auf Tüchern am Straßenrand, eine Schweineherde galoppiert hinter einer Kuh her, riesige, handgemalte Werbetafeln auf Eisengestellen ragen in die Luft. Darunter rollt sich einer zum Schlafen um eine Verkehrsinsel. Wie eine große weiße Milchkuh komme ich mir vor. Im verschmierten Fenster des Busses, einer mit Blech verschalten Holzkiste, erscheint die Donau, ein dünner blauer Arm, der Heimathorizont, wie er noch vor Stunden aus dem Flugzeug zu sehen war. Hupen, Hütten, Autos. Ich bin da. Doch wo?

"Calcutta liegt am Ganges", trällert ein deutscher Schlager. Schon falsch! Calcutta liegt auf Schlamm an einem Ganges-Arm, der Hooghly heißt. Von Norden nach Süden streckt sich die Stadt an seinem rechten Ufer. Mittlings saßen wie ein Riesentintenfisch die Briten in ihrem Fort William, einer großen Militäranlage, umgeben von einem freien Platz. Heute fressen Ziegen den braunstoppeligen Rasen dieses Maidan, Schnellstraßenverkehr braust vorbei, eigentlich sieht es friedlich aus. Doch der Platz war nie nur Park: er hielt den Engländern die "braune" Stadt vom Leib, als Schießplatz diente er ebenfalls. Heute sitzt im Fort die indische Armee. Und hält sie sich fern - die braune Stadt der Moslems, der Bangladeschi, der...?

Calcutta, ein Dorf, bis Ende des 17. Jahrhunderts die Engländer eine ihrer Handelsniederlassungen hierhin verlegten. Bald wuchs aus dem Dorf die Hauptstadt des britisch-indischen Empire, Umschlag- und Erzeugungsplatz kolonialen Reichtums.1911 zogen die Engländer nach Delhi, weil ihnen in Calcutta zuviel Freiheitsdrang entgegenschlug. Zurück ließen sie ihre Häuser, Verwaltungsstrukturen, Sprache. Ihren Bahnhof, einen riesigen viktorianischen Backsteinbau in Rot und Weiß durchströmen Tag und Nacht Abertausende von Menschen, ebenso ihre Bibliotheken, fein ziselierten Stadtresidenzen, Schulen in orientalisierendem Jugendstil, und Hotels. Eine im Palladiostil errichtete Stadtvilla, die einem Kunstsammler gehörte, dient heute zur Hälfte als Museum, die andere Seite, vor Jahren zum Wohnen freigegeben, steht als Ruine. Ist das friedlich oder brutal?

Fort William, der Maidan und das Luxushotel Oberoi, voll weißer Grillwürstchen am Pool, die von Angestellten in Livreen aus Hollywoods Kostümkasten bedient werden, Einkaufsarkaden, Cafés. Wer glaubt, dies wäre das Zentrum Calcuttas, täuscht sich. Wer glaubt, das Zentrum dieser Stadt - ein nicht zugängliches Fort mit Schießplatz - wäre leer wie das Tokyos, täuscht sich. Calcutta hat kein Zentrum. Calcutta ist ein langgestreckter Faden, bunt, gewunden, für ein Stück unterkellert, da fährt eine U-Bahn, die einzige Indiens. Enklave für Mittelständler, ein dunkles Prestigobjekt, mit unglaublichem Aufwand aus dem Dreck gebuddelt, denn jeder Monsun deckte die Tunnel wieder mit Gangesschlamm zu. Daß die U-Bahn sonntags erst um 15.00 öffnet, zeigt, wie künstlich sie ist. Denn in Calcutta hört das Leben auf der Straße nie auf, nie endet das Brutzeln und Backen auf den Gehsteigen, das Töten in den Märkten, das Schieben und Berühren, das Wiegen des Kopfes, das nicht nein heißt, nicht ja.

Im Norden Moscheen, im Süden Tempel, hier verschleierte Frauen, dort Ziegenopfer für Kali, im Norden auch China Town, im Süden englische Clubs für die Reichen, Rabindranath Tagores Haus aber mitten im Norden, das hinduistisch-moslemische Prostituierteneck im Norden, ebenso die Universität und ihre berühmten book stalls, die die Bouquinisten von Paris zu Flöhen vor Elefanten machen. Durchmischung, friedliches Zusammenleben, man pocht darauf. Doch die Zeitungen des Frühjahrs 2002 sind voller Bilder von brennenden Moslems, von Mobs und Racheaktionen, Hindus mit Gewehren. Gujarat ist weit weg, sagen die einen; schlimm, sagen die anderen. Am Abend ein Hochzeitszug auf der Straße. Vor dem Bräutigam auf einem hohen, geschmückten Wagen tanzen junge Männer. Trommeln, Alkohol, Hasch. Plötzlich laute Rufe, eine Schlägerei. Die Leute hier sind leicht erregbar, heißt es, erst scheu, dann emotional, heißt es, und jemand sagt: Calcutta, Stadt der Verrückten. Hey man, calm down!

Calcutta, das heißt Basar und Bewegung, Schlamm und Religion. Seine wirkliche Landschaft bilden die Canyons, Riffe, Schorfen, Steilflanken und Abstürze der Gehwege. Hier wird gebraten, gehandelt, geschält, gestritten, gekratzt, gewonnen, geliebt, gedemütigt, gedacht, gebetet, geflucht. Am Kalitempel muß man die Schuhe ausziehen. Der Boden ist schwammig, weich, getränkt mit dem Blut der Ziegen, die vormittags geopfert werden. Man darf zusehen, auch als Fremder, aber nicht fotografieren. Keine Medien, um mit den Medien der Götter zu sprechen. Um Kalis Hüften schlingt sich ein Gürtel aus Menschenschädeln. Im Blutrausch ermordet sie beinahe ihren Gatten Shiva. Als sie ihn erkennt, hält sie inne, streckt vor Scham die Zunge raus. So heißt es. Im Tempel reicht diese Zunge, lang und golden, fast bis zum Boden. Vielleicht doch, um Blut zu trinken? Die kleinere der Ziegen wird an den Beinen gepackt, auf den Hackblock gelegt. Ein scharfer Schnitt. Wie dicht gefüllt der Hals ist, rot und weiß. Wie lange der Körper noch zuckt. Später, vor der Tempelmauer, wirft der Metzger Gedärm und Galle zur Seite. Die kleinen Fleischstückchen, das Wiedererkennbare.

Calcutta ist eine Stadt, die verschwindet, aber wieder auftaucht, wenn es dunkel wird, verwandelt durch ein gelbes, warmes Licht. Der Maidan ist still, weniger Verkehr. Unter den bröckelnden Arkaden schlafen Hunderudel, dazwischen Menschen. Stromausfall. Ein Hund läuft auf ab, auf ab, als wäre er eingeschlossen. Unter den Luftwurzeln des Banjan-Baumes liegt ein Stein aus dem Fluß, mit einem Blumenkranz behängt. So ist er Shiva, Urgott, Schöpfung, männlich und weiblich in einem. Magie scheint nahe. Der Götter viele. Der Ganges still. Die Nacht weich. Kuckucksrufe.

Jeden November stürzt sich die Stadt in einen kollektiven Rausch. Bis zu 2500 Tempel werden auf den Straßen errichtet. Kali hackt Köpfe auf. Beten, tanzen, feiern. Am letzten Abend dieses mehrtägigen Kali Puja rasen Lkws, vollgestopft mit schreienden und trommelnden Männern zum Fluss. In ihrer Mitte eine festgezurrte, angestrahlte Göttin. Hinter ihnen ein Lkw mit ihren Frauen. Tausende von Menschen stehen am versifften Ufer, in Modder und Glitzerzeug, das die aus Gangesschlamm geformten, überlebensgroßen Figuren schmückte. Dann treiben, eine um die andere, die Göttinnen den Fluß hinab. Kinder tauchen unter ihnen, ob noch etwas Verkäufliches an ihnen hängt. Jetzt, im Februar, stehen die gut gerundeten Figuren halb fertig als klebrig graue Körper zum Trocknen in der Sonne. Die Augen derjenigen, die vom Fest im November erzählen, funkeln schon.

Zwei Brücken verbinden die Ufer der Stadt. 450 Meter lang, frei aufgehängt, groß wie die Hafenbrücke von Sidney, aber belebter: Howrah Bridge, das Nadelöhr zum Bahnhof, die Ader der Stadt. Auch hier ist Fotografieren verboten, aus militärischen Gründen. Die Engländer sagen gern maelstrom, wenn sie von Geschichte reden. Was für ein maelstrom kommt einem nun entgegen. Gesicht um Gesicht um Gesicht, als wäre es ein Film. Die Brücke bebt, unten zieht sich träge der Fluß. Auf dem Boden liegen welche, die schlafen, krank sind, sterben, vielleicht; man geht um sie herum, die Gebirge ihrer grauen Fußsohlen hätten selbst Caravaggio beeindruckt. Wer hier Technisches besichtigen will, wird auf Menschen stoßen. Ein Strom aus Körpern, überwältigend, nah, ausdruckslos, als sähe mich niemand - vielleicht ist es deswegen so schwer, diese Massen, schnell, zielgerichtet, stumm, für wirklich zu halten. Oder vielleicht verliert unsereins, nicht gewohnt, Teilchen solch einer Menge zu sein, so klein, so wenig, so ein Millionstel, das Wirklichkeitsgefühl, wenn man ihn da hineinsteckt und er gehen muß, im Rhythmus - nein: gegangen wird, ein Herdentier.

Unter der Brücke ärmlichste Behausungen, doch unvermutet ein Durchgang zum Fluß. Kühe, ein gepflasterter Platz, auf dem Leute sitzen, stehen, schlafen. Junge Männer waschen sich im Hooghly. Auf ihm ein Boot, die schwarzen Segel gehißt. Keine Idylle, doch der Platz ist eine Art Blase aus Stille und Zeit. Am Ufer gegenüber die Hektik des Bahnhofs. Hier: sich reinigen, beten, ruhen. Gedanken und Religiöses. Was einer mitbringt aus seinen Tagen. Was er abwaschen kann.

An meinem letzten Abend blicke ich von einem flachen Hochhausdach hinunter in die Straßen. Auf einem Dach nebenan üben Vater und Sohn Cricket. Ein Gewitter zieht auf. Der Gangesarm im Westen glitzert. Er füllt das ganze Bild. Zittern? Verstehen?

Auf einer Elektroleitung schräg unter mir hockt ein Geier, gelassen und groß.

Literaturen, Heft 7/8 2002, S. 21-24