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Das fiktive Alphabet

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Umgang mit Körpern von einem Paradox bestimmt ist. Zum einen werden Körper abgewertet: erst erweitert durch Maschinen erscheinen sie vollständig. Maschinen erhalten sie kommunikationsfähig, erhalten sie - manchmal - am Leben. Vom Verschwinden des Körpers in den Medien ist vielfach die Rede.

Im Gegenzug wird der Körper in unserer bürgerlichen Freizeitkultur aufgewertet. Er ist nicht mehr Fatum, nicht mehr etwas, was man hat, sondern etwas, was man macht. Aus dem schicksalhaften Körper ist der Körper als Option geworden. Schönheitsbehandlungen, Training, Moden, Operationen etc. - wir sind gewöhnt an manchmal alltägliche Selbsttechnologien, die in den Körper eingreifen. "Glauben Sie vielleicht, daß ich morgens um sieben schon aussehe wie Claudia Schiffer?", wird von Claudia Schiffer gehört.

Da wird sie wissen, wovon sie spricht. Körper mit künstlichen Körpern verschmelzen, Körper als Prothesen auffassen, als Benutzeroberflächen, als Zeichen und Zierartträger - darin sind wir gut. Da ist der Weg zur Genetik und genetischen Veränderung nicht steil. Die Transformation des Körpers zum digitalen Bild wird seit einiger Zeit betrieben. Der Körper als seine eigene Projektion. Denn es ist bereits das Konzept des Kunstkörpers, das dem Körperkult zugrundeliegt. Der Körper, verstanden als modellierbare Masse, die der Ästhetisierung bedarf. Der Körper, eine "Bioaktie in der Gewinnzone", so Allegra im Herbst 2000.

Ein kleiner Unterschied: das Wörtchen "wie"

Seit mehr als einem Jahr ist das menschliche Genom entschlüsselt. A, C, T und G spuken seither als Superalphabet - man erinnere sich nur an die genetische Ausgabe der FAZ vom Juni 2000, als A,C,T,G-Folgen das Feuilleton bestritten - durch den Blätterwald, spuken durch alle Kanäle, durch so manchen Kopf.

Was sagen die Literaten dazu? Was sagt die Literatur? Als erstes mag man an Michel Houellebecqs halbfuturistischen Roman Elementarteilchen denken, der allerdings eher eine Auseinandersetzung mit der 68er Generation und den Folgen ihres Verhaltens an den reichlich gezeugten Kindern ist als mit der Genetik. Und sonst? Kaum etwas. Ratlosigkeit eher, Erstaunen auch, und vielleicht bei so manchem Autor der Gedanke: sind wir zu diesem Thema denn überhaupt gefragt? Und wenn ja, warum?

Dabei liegt der erste Zusammenhang zwischen Genetik und Literatur geradezu auf der Hand. Haben doch die Genetiker sich, auf der Suche nach einem geeigneten Metaphernfeld für die Darstellung ihrer Arbeit in einer immer stärker medienorientierten Gesellschaft, dafür entschieden, die Metapher des Alphabets aus den Kulturtechniken/-wissenschaften für eigene Zwecke auszuleihen. So verhält sich die Genetik, nachdem sie in den 50ern begann, nach Ikonen zu gehen, nun selbst im Modell des Lesens und Schreibens, des Buchstaben- und Wortebildens, braucht eine Grammatik und spricht eine Sprache, die es zu entziffern gilt.

Gehüllt in die Metapher des Alphabetes betritt sie das alte Arbeitsgebiet von Autoren. Auch Autoren müssen erst einmal gute Leser sein. Auch Autoren suchen nach etwas, was vielleicht bereits gegeben sein mag - aber sprach-los, und folgen dann der Spur eines Ausdruckes. Und wie Autoren wollen auch Genetiker es sich nicht nehmen lassen, aus dem, was sie finden, Neues zu machen. Sie beanspruchen Autorschaft also auch im Sinn dessen, der sich als Urheber und Macher wissen will.

Die Metaphorik der neuen Biowissenschaft suggeriert: Genetiker und Schriftsteller tun das Gleiche. Wir, die Schriftsteller, tut es allerdings nur mit Tinte, mit toter Materie, sie, die Genetiker, tun es mit lebendigem Stoff.

Das Arbeitsgebiet von Autoren war und ist: aus Schrift - aus einem menschlichen Code - Figuren entstehen zu lassen wie lebendig.

Während die Genetiker für sich sagen würden: aus einem Code Figuren entstehen zu lassen, lebendig.

Um dieses wie - seine Existenz, sein Fehlen - also wird es im folgenden gehen.

Verbindungen zwischen den Alphabeten

Immer schon haben Autoren sich von den Naturwissenschaften beeinflussen lassen. Goethes Gebrauch des chemischen Wahlverwandtschaften-Prinzipes ist ein prominentes Beispiel, ein anderes findet sich im gesamten Genre der Science Fiction. Hier könnte sich, in seltenen Fällen, sogar ein Kreislauf enwickeln: Wissenschaftler entwickeln Modelle, Schriftsteller greifen sie auf, spielen damit herum, finden neue Kombinationen, die dann, vielleicht, wiederum auf die Forschungsphantasie der Wissenschaftler zurückwirken.

Im Fall der Genetik allerdings spitzt sich dieser (theoretische) Austausch auf sehr spezielle Weise zu. Denn falls Wissenschaftler sich über kurz oder lang wirklich daran machen sollten, neue Lebewesen zu erfinden - tatsächlich ist etwa die Züchtung von Chimären, also aus verschiedenen Gattungen gemischten Tierwesen, in den Labors längst Praxis - wenn dies also der Fall ist, dann rücken Wissenschaftler und Autoren in der Tat eng zusammen. Man könnte Autoren als Spezialisten in Menschen-Phantasie auffassen. Was sie mit Buchstaben tun, täten die Wissenschaftler mit Buchstaben, die sich in Leben verwandeln, wovon wiederum, könnte man weiterspinnen, dann auch die Schriftsteller profitierten, indem sie in Zukunft eine Art bio-fiction schrieben - also Buchstaben in die Welt setzten, die sich möglicherweise in Leben verwandelten.

Weit hergeholt? Mag so scheinen. Oder mag in zehn Jahren naheliegen. Oder mag falschliegen. Mir geht es nicht darum, vorab Urteile zu fällen bzw. gar Prognosen zu erstellen. Zum jetzigen Zeitpunkt interessant ist vielmehr, Handlungs- und Phantasiemöglichkeiten überhaupt zu entwickeln.

Vielleicht wird sich der Begriff von Kunst und Künstlern in der Folge der heutigen naturwissenschaftlichen Entwicklungen sehr verändern - der Künstler dann als eine Art Lebens- und Wesensschaffer erscheinen, ein Realitätsersteller und Sinneserweiterer. Ein Fachmann für phantastische Kreaturen. Vielleicht wären wir, die Künstler, darin sehr nützlich. Und plötzlich immens gefragt, sei mit einem Augenzwinkern angefügt: wir würden viel kosten! Wir wären unbezahlbar.

Denn: wollten wir überhaupt so schreiben, daß die erfundenen Figuren "lebendig" werden? Bereits vorhin stießen wir auf den kleinen Unterschied des 'wie'. Etwas 'lebendig' machen, als Lebewesen, mit einem Körper in dem Sinn, wie wir noch immer Körper verstehehen, nämlich aus Fleisch und Blut, mit Seele, Psyche und Herz. Oder etwas machen 'wie lebendig'.

Anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen

1. Figuren "bloß" in unseren Köpfen (beim Schreiben, beim Lesen)

2. jenen, die sich schon heute als Avatare im Netz (schein)selbständig machen, und

3. schließlich den heute noch phantasierten, irgendwann aber vielleicht möglichen Wesen aus animierter Biomasse - wie wir selbst es sind?

Kennen wir diese Unterschiede, ist uns an ihnen gelegen? Oder denken wir ähnlich wie Biologen, die heute sagen, daß sie an eine Schwelle zwischen Leben und Tod nicht mehr glauben? Daß Totes und Lebendiges, Fiktives und Reales also unmerklich ineinander übergehen, miteinander verschraubt und kombiniert werden könnten? Besser: dass sie es immer schon sind. Und wir im fall der neuen Genetik diesen Spuren nun nachfolgen.

Diese Vorstellung mag viele Reaktionen auf einmal auslösen, und sie ist mit einigen Fragezeichen versehen: Zweifel, Bedenken, Angst, Zurückschrecken, aber auch Faszination, vielleicht sogar Erleichterung. Sie zielt sie auf das Zentrum dessen, worum mir hier zu tun ist: wie vermischen sich Fiktives, Reales, Materielles und Lebendiges in Zukunft?

Literatur handelt immer von 'real' Unsichtbarem. Noch niemand hat den Faust in Ihrem Kopf gesehen - außer Ihnen. Literatur handelt von Unsichtbarem also für andere. Und doch ist sichtbar, was sie erzeugt. Das fiktive Alphabet entwirft Bilder in unseren Köpfen. Greifbar werden sie auch für andere, wenn sie beginnen, unsere Handlungen zu beeinflussen - wenn wir selbst also sie nach außen, in unsere Realwelt, umsetzen. Ob wir das tun, ist jeweils unsere Entscheidung (wenn sie auch nicht immer bewusst oder autonom ablaufen wird). Literatur wird nur wirklich über das 'Relais' eines anderen, lebendigen Menschen. Und weil das fiktive Alphabet Bilder 'nur' in unseren Köpfen, Herzen, Psychen entwirft, weil sie ihren Durchgang durch uns brauchen, deswegen gelingt es Literatur, die diesen Namen verdient, eben auch, ihren Figuren eben das mitzugeben: Kopf und Herz, Hand und Tat - etwas wie eine Seele. Das ist ihre Animation. Und, noch einmal sei es betont: sie findet nur im Wechselspiel mindestens zweier Menschen statt, ist in diesem Sinn also immer schon interaktiv: zwischen Autor und Leser.

Das genetische Alphabet hingegen zielt auf etwas, was wir nur Noch-nicht-sehen-können, das aber prinzipiell sichtbar ist. Auf eine Veränderung unserer Augen. Auf eine Veränderung dessen, was sich in unserer Welt bewegt. Vielleicht auch beides gemeinsam? Und dazu auf Profit, das gewiß.

Unsichtbares, Lebendiges, Materielles und Machbares

Der Eingriff in den eigenen Körper, vielleicht sogar die Überwindung seiner bedrohlichen Sterblichkeit, ist einer der ältesten Menschheitsträume. Und eines der ältesten Gebiete menschlicher Experimente und Basteleien. Man denke nur an die Romantik, oder an große Teile des 19. Jahrhunderts und seine Automatenbesessenheit. An der physischen, vergänglichen Grenze des Fleisches wird seit jeher gearbeitet und gefragt. Weil wir uns auch von ihr her definieren - als andere als Maschinen, als andere als "Gemachte". An dieser Grenze unterscheiden sich Fiktion und Realität für uns. An dieser Grenze wird die Frage nach Fiktion sich im Licht der nun beginnenden Biotechzeit neu stellen.

Vortrag Bern 2001