Herkunft, das meint, wie wir darüber sprechen, wer man wird, indem man erfindet, wer man war, um zu werden, was man nicht sein muß, sondern kann.
Was bedeutet »zuhause«, wenn man einmal vertrieben oder freiwillig fortgegangen ist, um dann, als Fremder, in der heimlich unheimlichen Spannung dessen zu kreiseln, was »Heimat« war?
Herkunft ist das Thema dieses Buches. Da alles, was für uns Welt ist, im Raster der Sprache erscheint, im Glanz ihrer Metaphern und Irreschein ihrer Idiome, handelt der Text davon, wie Herkunft nicht nur erfunden wurde, um Geschichten zu erzählen, sondern selbst Geschichte ist.
Nachgehört wird der Reibung zwischen der Zeugung von Körpern und dem Zeugnisgeben in Sprache. Nachgeschrieben dem Entstehungsprozeß eines literarischen Textes. Nachgegangen der Spannung zwischen dem, was wir Wirklichkeit nennen, und dem, was Fiktion heißt. Die Ideen Heimkehr, Zuhause und Heimat sind künstliche und kunstvoll gebaute kulturelle Konstrukte. Zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte und aus Ulrike Draesners Werk veranschaulichen dies, bis die Autorin schließlich, zum ersten Mal, ein Stück ihrer eigenen »Heimatgeschichte« in all seiner Ambivalenz erzählt.
Textauszug
Ausschnitt aus dem 3. Kapitel
ZEHREN
Herkunft – Heimat – Deutschland?
Heimat, oder: Der Dackel im Backofen
Heimat war für meine Generation ein von Anfang an suspektes Wort. Nicht verdächtig, sondern suspekt wie jene Halbverbrecher, die unsere Jugendkrimis und die Zeitungsseiten unter Vermischtes bevölkerten. Man konnte sie jagen, finden und „stellen“, um sie dann im besten Fall nie wiederzusehen.
Heimat war, für meine Großeltern, etwas Verlorenes. In der Rückschau wunderbar. Doch auch diese Heimat wollte man lieber nicht wiedersehen. Suspekt. Sie hätten nach Polen reisen können. Bei fast jedem ihrer Treffen mit Freunden und Bekannten wurde darüber diskutiert, die einen fuhren, andere, unter ihnen auch meine Großeltern, blieben.
Heimat, herrlich, war etwas Vergangenes.
Heimat, jetzt, war ein Ort, der sich nicht mehr glich.
Sie wussten: Heimat war eine Konstruktion. Heimat, ein Luxus. Überschuss.
Ich wusste das nicht. Dennoch spürte ich, dass etwas an dem Heimatreden, das in diesem Teil der Familie nie endete, nicht stimmte. Exakt das zog mich an. Die überschießenden Gefühle darin. Die echte Unechtheit dabei. Heimat war interessant und ambivalent: wie ein X - ein Kreuz, ein Stickmuster -, schien sie durch y, durch z. Groß und unbekannt, X: Zeichen eines Kusses und einer Löschung. Welche Kombination.
Meine Großeltern erzählten mir zu einer Zeit, als sie schon seit einem Vierteljahrhundert anderswo lebten. Sie erzählten, während sie im Erzählen „in der Heimat“ waren, doch immer davon, dass sie jetzt, beim Erzählen, in München saßen. Mit mir. Historie also, zubereitet, heruntergeschnitten auf das, was erträglich sein sollte. Und Historie zugleich, die sich nicht herunterschneiden ließ, denn die Gesichter der Großeltern, ja, schon ihre bloße physische Anwesenheit und die Wohnung, die uns umgab, erzählten eine andere Geschichte.
Inmitten von Anekdoten, Erinnerungsstücken, Rezepten, fremden Liedern und Sätzen wie „das verstehst du noch nicht“ wurde der Dackel im Backofen mein Lieblingsstück. Es handelt von einer List; die Großeltern lachten noch jedes Mal selbst darüber.
Vielleicht erregte das meine Aufmerksamkeit?
Ich lachte mit, und die Geschichte enthüllte eine zweite Wahrheit: der Dackel in dem dunklen Backofen, in dem es plötzlich heiß wurde, der Dackel, ausgeliefert, bedroht, einfach hineingesetzt, gerade noch gerettet in ein anderes Leben - das waren meine Großeltern selbst. Das waren wir.
Denn davon erzählten mir ihre Anekdoten, ihre Stimmen, ihre Gesichter: was passiert, wenn Geschichte, der große Backofen, sich anschaltet - und du sitzt mitten darin.
Ich wunderte mich und hörte zu. Diejenigen, die über „Heimat“ sprachen, waren, für meine Kinderaugen, unendlich alt und unendlich anders als ich. Auch ihre Sprache unterschied sich von dem, was sich auf den Straßen hören ließ. Erzählungen von einem fremden Planeten wären nicht ferner oder näher gewesen bis auf einen, empfindlichen, Unterschied: die Verbindung durch die lebenden Gedächtnisse, die hinter der runzeligen Stirn des Großvaters und unter den dünnen Haaren der Großmutter saßen. Hinzukam eine zweite Art von mémoire: ein Rehbockgeweih an der Wand, ein paar Stücke Silberbesteck, Fotos und Briefe. Und als Drittes spielten sich Gesten zu; eine unwillkürliche Form des Gedächtnisses, das sich aufhob in einer bestimmten Weise, in der Großvater sich bückte, in dem Blick dabei, in Augenblicken des Innehaltens, Zögerns, der Unsicherheit.
Am Ende wurde nicht die Heimat meiner Großeltern, sondern diese Situation des Ohne-Heimat-Seins zu einem Stück Heimat, für mich.
Und ‚Heimat’, an sich, hieß nichts.
30 Jahre sind seither vergangen. Lange war das Wort ‚Heimat’ tabu, außer man stand eifrig rechts bzw. las aus Versehen einen Ganghofer-Roman. Im Gefolge der Ereignisse von ’89, angesichts einer veränderten östlichen Nachbarschaft, angesichts einer ganz anderen Art und Weise, wie dort die Grenzen zwischen Pathos und Ironie, Gefühl und glaubwürdigem Gefühlsausdruck gezogen sind, angesichts der Geschwindigkeit heutiger Medien- und Wirtschaftsströme, angesichts der Einschmelzung aller Produkte, Firmen, Bauweisen, Kleidungs- und Musikstile zu einer den gesamten Globus umschließenden, glasfeinen Matrix, ist das Wort ‚Heimat’ auch im Deutschen erneut in Bewegung geraten. Oder tut dies gerade.
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So krabbelt in Zeiten der Verhandlungen um eine EU-Verfassung, um Beitritte, Verschuldungen und internationale Terrorpolitik ‚Heimat’ als kleiner ostwestlicher Käfer zwischen uns umher. Suspekt ist er noch immer, doch nützlich könnte er ebenfalls sein. Nur wie? Er schillert, obwohl er doch Verankerung verspricht. Heimat ist ein Feld aus Aufladungen, privaten und politischen, geschichtlichen und sozialen; ein Gewirr widersprüchlicher Gefühle. Heimat, ein metamorphotischer Glanz.
Sie ist, so schon Ernst Bloch, der Ort, den man nie betritt. Sieht man das Abstraktum ‚Mentalität’ versuchsweise als Landschaft an, dann ist ‚Heimat’ darin ein tektonisches Wort. Hier schiebt sich Platte gegen Platte; Gräben erwarten uns. Eine Gegend also, in die Sonden einzuführen sich lohnt.
Eine Sonde sieht auch ihren Weg. So will ich nicht danach suchen, was im Winter 1945 und den darauffolgenden Jahren im Leben meiner Großeltern „wirklich“ geschah – dies bliebe notwendig Konstrukt, Illusion. Es war es schon für sie. Als in der Gegenwart hergestellte Vergangenheit aber erkannt, erkannt also auch als Vergangenheit, die sich den Bedürfnissen des Erinnernden anschmiegt, ist es heute, in unserer Gegenwart, doppelt spannend, darauf zu sehen, wie damals erzählt wurde. Und wie ich mich daran erinnere. So will ich versuchen, meine Erinnerung daran festzuhalten, was die Familie über Heimat, Flucht und Vertreibung sprach. Statt Fakten hören wir faction, Stimmen aus der Vergangenheit, gebrochen erinnert, gebrochen gesprochen, durch mich.
Die Ausgangssituation
Gegen die Bedeutungsleere von ‚Heimat‘ in meiner Kindheit half es, dem Wort ein anderes anzuhängen, etwa ‚Kunde‘. War Heimat Kunde, dann lernten wir, an die Außenmauer der Volksschule gelehnt, die Windrose lesen und messen, wie schnell der Dorffluss sich dort davonmachte, wo wir bleiben mussten. Des weiteren wurden lokale Heiligenlegenden erzählt, die einhellig damit endeten, dass einem Hirschen ein Kreuz aus dem Kopf wuchs, als er die Mutter Gottes sah. Kaum fiel der Name ‚Maria‘ wusste ich allerdings, dazu gehöre ich nicht.
Denn das war Heimat Zwei: Katholizismus. Meine katholische Großmutter sprach bayrisch. In dieser Sprache gab es ‚das Heimat‘, das Elterngehöft. Keiner hatte Angst, es zu betreten, man sprach nicht viel davon. Herrschte Not, wurde es verkauft. Es war nützlich.
Meine Schwester und ich aber waren protestantisch. Die katholische Großmutter ließ Geschenke an uns immer gezielt kleiner ausfallen als die an unsere katholischen (= alle anderen) Cousinen und Cousins. Als ich in die Schule kam, 1968, wurde eine Bestenklasse eingerichtet, nur für Katholiken. Ich beschloss, nicht bayrisch zu sprechen. Denn wie wehrt man sich gegen etwas, das man nicht greifen kann? Das Heimat, als Teil einer möglichen, sehr konkreten Heimat, starb ab. Ohne es zu wissen, trat ich einen Teil des Erbes meines Flüchtlingsvaters an.
Die Heimatlosigkeit meiner Mutter fiel mir erst später auf.
Denn da gab es noch Heimat Drei, das große Land der väterlichen Familie: weit wie der Kopf, die Phantasie. Hinter einem eisernen Vorhang, den ich mir jahrelang konkret als osteuropäische Hängekonstruktion vorstellte. Meiner Meinung nach konnte man sich darunter durchbuddeln, jedenfalls als Kind.
Dort stieß man auf Geschichten: Großvater als schlesischer Jäger. Als Erbe einer Brauerei. Als Reiter. Großvater, der als Jäger einen Dackel wollte. Während Großmutter gegen einen Hund war, und erst recht gegen einen ohne Beine, eine wühlende Wurst.
Die Geschichte Dackel im Backofen spielte zu Weihnachten. Ihr folgten ein paar schlesische Wörter, Backanleitungen, Stickmuster aus krummen Linien und zahlreichen, X – ein zerstreutes, kaum mehr lesbares Alphabet. Dann, für mich immer wieder schlagartig, ganz ohne Kontext, den meine Großeltern natürlich wussten, nicht aber miterzählten, was mir ein einerseits ganz falsches, nämlich extrem löchriges Bild der Ereignisse vermittelte, zum anderen aber emotional exakt zur Erinnerungslage meiner Großmutter passte, denn es drückte etwas von ihrem bodenlosen Entsetzen im Winter 45, ihrem tiefen Nichtverstehen aus, schlagartig also, grundlos, scheinbar willkürlich änderte sich das Heimatszenario. Nun hieß es „Der Dackel beim Metzger“.
Und alles weitere hieß:
Die Flucht
Als ich meine Großeltern kennen lernte, lebten sie in einer dunklen Erdgeschosswohnung in München-Schwabing. Drei Zimmer, eines immer an einen Studenten untervermietet. Mich beeindruckte das große Bett, dessen Maße Großvaters Bauch entsprachen und Großmutters Kropf. Die Bäuche spannten Männer wie ihn und hielten sie aufrecht, sonst wären sie gelaufen wie zusammengeklappte Messer. Großmutters Kopf konnte nicht herabsinken, weil ihr Kropf herausstand wie ein Kürbis vom Markt. In Urlaub fuhren sie nach Bad Tölz, Großmutter trug die gerettete Korallenkette, mit der sie aussah, als habe sie blutige Griffe am Hals, und als sie mir auf dem Trottoir entgegenkamen, flog mein Herz. Doch wohin?
Geflohen war nur Großmutter mit meinem 15jährigen Vater und seinem 25jährigen, gehbehinderten Bruder. 1947 trafen sie in Bayern ein, nur mehr zu zweit. Zuvor waren sie in einer kleinen Stadt, die später im DDR-Grenzgebiet lag, bei Verwandten untergeschlüpft, dort aber ausgebombt worden. Der ältere Bruder, verletzt, entkräftet, bekam eine Lungenentzündung und starb. Großmutter und Vater zogen weiter nach München, denn dort lebten ihre nächsten Verwandten. Sie kamen in ein Auffanglager auf dem Oberwiesenfeld, heute Olympiagelände, und wurden schließlich in ein Ferienhäuschen der Familie auf dem Land weitergeschleust. Ihr Tisch war der eine Koffer aus Schlesien, den sie noch bei sich hatten. Immerhin besaßen sie ein selbstgezimmertes Bett. Es wurde erst im nächsten Winter verheizt.
War man angekommen?
Der Anfang ihrer Flucht ließ sich klar bestimmen, es war der 20. Januar 1945, mittags. Zwei Stunden zum Packen, das wurde immer wieder betont. Merkwürdig für mich: exakt 17 Jahre später, an einem 20. Januar, kam, mittags, ich auf die Welt.
Angekommen?
Aber wann hörte „die Flucht“ auf?
Alle sprachen so, „die Flucht“ oder „auf der Flucht“. 12 Millionen Menschen waren seit Herbst 1944 vor der Roten Armee über die Grenzen des Deutschen Reichs geflüchtet oder nach Kriegsende als Ausgewiesene angekommen. Mehr als 2,5 Millionen Tote auf dem Weg. „Flucht und Vertreibung“ hieß es allmählich, als sage sich in der Doppelung mehr. Tatsächlich sagte sich in ihr weniger.
Eben dies war Absicht.
Flucht und Vertreibung wurde zur Formel, ein schnell geschaffener lieu de mémoire, in politischen Sonntagsreden, Broschüren, Heften und den Zeitschriften der frisch gegründeten Vertriebenenverbände. Als kollektives Wortdenkmal besetzt und benutzt. „Flucht und Vertreibung“ wurde das Wischtuch, das einsaugte, woran man sich im Detail nicht erinnern wollte. Mit den Wörtern des Erinnerns nahm das Tuch die Erfahrung des Einzelnen in sich auf. So machte es, was sowieso kaum sprechbar war, gänzlich unsprechbar. Es schützte auf diese Weise, baute einen Raum, in dem man sich treffen konnte, doch die Mitte dieses Raumes war leer, ein saugendes Loch.
Das Wischtuch selbst hingegen ließ sich hissen von jenen, die neue Politiker sein wollten, in einer komplexen Gemengelage von Machtinteressen und Gefühl. Bis 1953 hießen alle aus dem Osten Geflohenen „Neubürger“ - ein irreführender Name. Eigentlich waren alle Deutschen „Neubürger“ in den vier Zonen und später den beiden neu gegründeten Staaten. Doch nicht zufällig hießen offiziell nur jene so, die zudem vertrieben worden waren. Sie stellten sich dem neuen Gesellschaftsgefüge als eine leicht zu definierende Gruppe dar, an der alles, was geschah, wie in einem Brennspiegel gebündelt, gezeigt und benannt werden konnte - zur Entlastung aller anderen. Dabei handelt es sich um einen psychischen Mechanismus, der mit dem Stichwort „Sündenbock“ falsch, weil zu ungenau, gefasst wäre. Doch weist das Wort in die richtige Richtung: Entlastung durch jene, denen es noch schlechter geht als einem Selbst.
1953 wurden die Flüchtlinge in der Bundesrepublik per Gesetz offiziell zu Vertriebenen erklärt; das Recht ging erblich auch auf alle Nachkommen über (mit der Folge, dass 30 Jahre später rund ein Drittel aller Vertriebenen nach ‘49 geboren war). Ohne allzu konkret zu werden, bot die Flucht-und-Vertreibungs-Formel eine neue Identität. „Vertrieben“ statt nur geflüchtet, das implizierte eine Art Mut, einen Rest Widerstand - nur der schieren Übermacht war man gewichen, nicht feige davongelaufen. Die neu angebotene Identität allerdings bestimmte sich weiterhin ex negativo: geflüchtet, nicht angekommen. Auch acht, zehn, 15 Jahre nach Kriegsende hörte diese Art von Identität nicht auf: Man definierte sich und wurde definiert durch ein uneinholbares Woher. Von geradezu beängstigender Reichweite ist dabei die wie selbstverständlich getroffene, staatliche Festschreibung der Erblichkeit des Verlustes. Das Kind eines Vertriebenen erbte Vertriebenheit. Es war selbst Vertriebener, obwohl es an dem Ort lebte, an dem es geboren worden war.
Zugleich schrieb diese Identität so, wie sie benutzt wurde, ein Programm fort: man wollte zurück. Man hatte zurückzuwollen. Man wollte zurückwollen wollen.
Doch wohin?
‚heimlich‘ ‚unheimlich‘
Heimat, in der Heimatkultur Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Mischung aus Folklore, Bodenständigkeit, echtem Verwurzelungsgefühl und Gefühlsduselei aufgeladen, wurde nach ’45 ein weiteres Mal in Beschlag genommen. Diesmal, um in das Medium des kollektiven Erinnerungsortes „der deutsche Osten“ verwandelt zu werden. Heimat wurde ein Wort mit Gänsefüßchen. Auf westdeutschen Friedhöfen erschienen Kreuze mit Inschriften wie „Den Toten der Heimat“. Jeder wusste, dass damit nicht die Toten des Ortes gemeint waren.
Das konkrete Erleben der Vertriebenen gerann innerhalb dieses Rechts- und Gebrauchsrahmens binnen weniger Jahre in ein Politprogramm, das auf dem an sich verständlichen Bedürfnis nach einer neuen Identität und einer Möglichkeit, das Erlebte zu erinnern, eine Politik des Revisionismus nährte. Der Einzelne konnte in dieses Programm verschwinden. Eben darin lag seine spezielle Attraktion.
Tatsächlich brach den sogenannten Vertriebenen, wie so vielen Vertriebenen vor ihnen, so vielen nach ihnen, mindestens zweimal etwas weg: erst der konkrete Ort. Dann die Sprache dafür. Und mit der Sprache erneut der Ort, als erinnerter. Und damit, ebenfalls erneut, das eigene Selbst. Das war, obwohl manche es nicht glauben konnten, so real bedrohlich wie die Kugeln, die auf die Körper abgeschossen worden waren.
Mein Großvater war nicht „auf der Flucht“ gewesen. Er kam im April ‘45 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Ich schreibe dies, ohne wirklich zu wissen, was es bedeutet haben mag. Von Kinderohren aufgefangen, heute erinnert. Die Hälfte fehlt, der Rest ist verzerrt. Doch Kindheit ist bei Heimat nicht fehl am Platz, das Konzept selbst ist mit ihr verbunden; dies belegt im übrigen auch die Wortgeschichte (nach Grimm), in der Heimat etymologisch falsch, aber mentalitätsgeschichtlich richtig, zusammengebracht wird mit muot. Was nicht ‚Mut‘ bedeutet, im Mittelhochdeutschen, sondern etwas wie innere Haltung, Charakter und Sinn; in dem Substantiv ‚Gemüt‘ hört man bis heute das Echo dieses Konzeptes.
Sowohl über den Ersten als auch Zweiten Weltkrieg wie das sowjetische Lager schwieg Großvater. Im Deutschen gibt es die Redewendung „einer schweigt sich aus“. Es ist ein unübersetzbarer Ausdruck für das, was ich meine, denn er impliziert ein sich Verlieren durch eigenes Schweigen. Ein Schweigen, das ins Aus führt; ein Schweigen, das in der Leere endet.
Sichtbar wird mein Großvater als jener Mann, den ich kannte, für mich mit einem Foto von 1947: er ist 55 Jahre alt, und er hat, vor ein paar Tagen, seine Familie in München wiedergefunden. Er ist mager und kaum wiederzuerkennen im Vergleich zu Fotos vor dem Krieg. Schmale Schultern, hagere Wangen, kahlgeschorener Kopf.
Er kam zurück, nicht heim.
Die Foto-Aufnahme zur Feier seines Wiedererscheinens, seiner Lebendigkeit, bezahlte man mit Äpfeln, die mein Vater nachts aus dem Klostergarten stahl. Das erzählte man mir nicht in dieser Offenheit, doch ich verstand. Das Foto schmeckte nach Äpfeln und Wahrheit, nach etwas Geschältem. Es ist das Bild, auf dem mein Großvater für mich am intensivsten zu sehen ist als der, der er war, wenn nichts mehr ihn stützte.
Heimat, muot. Etymologisch falsch, und doch: ist Heimat auch eine Frage des Mutes?
14 Tage nach seiner Rückkehr ging Großvater in den Wald. Er hielt nicht aus, wie er jetzt leben sollte. Wälder kannte er gut, polnische, französische, deutsche. Es war Jäger, affiziert von der Naturbewegung seiner Zehner- und Zwanzigerjahre. Pferde, Hirsche, Geld und Zigarren, Ansehen, Dienstpersonal. Jetzt war von all dem nur mehr der Wald geblieben.
Und auch er war falsch.
Ein Mischwald - steinig, von Alpbächen durchschossen. Wie Großvater die Tollkirschen von den Zweigen pflückt, sie sich in den Mund schiebt. Tollkirschen, denn die kosteten nichts. Erst eine nach der anderen. Sie schmeckten wohl süß. Dann händevoll. Wie viele er aß? Wie viele er hätte essen müssen? Kann man sich mit Tollkirschen überhaupt effektiv vergiften? Er wurde gefunden, kam nach München zum Magenauspumpen. Am Ende kostete das viel Geld, bezahlt in Form einer Armbanduhr. Großvater mit geweiteten schwarzen Pupillen. Großvater on drugs. Sprachlos, die Zunge geschwollen.
Auch mein Vater streifte durch den Wald, der die neue Gegend umgab. Er suchte Wurzeln, lernte meine Mutter kennen, schlich an den Kirschen vorbei. Ankommen? Die Dorfjugend traf sich an einem kleinen See. Dort rissen die Jungs den Fröschen die Beine aus, die Rümpfe der vor Schmerz wahnsinnigen, aber stummen Tiere, warfen sie ins Wasser zurück. Die Beine wurden gegrillt, Pfadfinder-Pimpftum lebendig, man hatte etwas vom Überleben gelernt, dort, oder auch früher, oder lernte es jetzt neu.
Im Deutschen ist ‚Heimat‘ mit ‚heimlich‘ und ‚unheimlich‘ verwandt. Heim ist Ort des Verborgenen, des Kästchens, in das man niemanden schauen lässt. Aber auch des Unheimlichen, des Hexenhäuschens, der bösen Mutter darin. Heimat ist immer doppelt, das Schrecklichste und Schönste. Das eine schaut durch das andere hindurch. Denn ‚Heimat‘ ist ein Wort für Intimität - mit Dingen, mit Menschen -, das Abgründe nicht überspielt, wenn man es wörtlich gelten lässt.
Meine Großeltern hatten, 25 Jahre nach der Neuansiedlung, ein deutliches Bild von Heimat. Für sie war es etwas nur mehr Schönes, klar herauspräpariert, alles andere gelöscht. Für Nachgeborene funktionierte das nicht. Schon mein Vater musste ganz anders mit seiner Geschichte umgehen. Für mich, als Dritte in der Kette, war Heimat von vornherein Nirgendwo.
Das musste so sein, möchte ich denken, doch stimmt dies nur halb. Heimat umgab mich und fehlte zugleich. Meine Schwester und ich waren die einzigen in der Ostfamilie, die nicht aus dem Osten kamen. In der bayrischen Familie der Mutter waren wir die einzigen, die nicht bayrisch sprachen sowie nicht ordentlich beteten, gehörten also ebenfalls nicht dazu. So die „Fakten“. Doch ist, wozu man gehört, immer auch Teil eines selbst, Teil auch eines Beschlusses. Vater versuchte sich bayrisch anzupassen, mir kam er darin unecht vor, aber dort trafen meine Eltern sich. Meine Wahl fiel auf Unzugehörigkeit - keine ganz freie Wahl, gewiss. Und doch eine Entscheidung, getroffen zu einer Zeit, als ich (noch) gar nicht merkte, dass ich mich entschied.
Auch das gehört zu Kindheit.
Insgesamt ist für mich daraus etwas wie „Unverwurzelung“ entstanden. Das bedeutet nicht Wurzellosigkeit. Es heißt, auf seltsame Weise, verschieblich zu sein. Zwar von Wurzeln umgeben, doch neben ihnen stehend. Anwurzelbar, doch lösbar, sehr leicht. Halb angewachsen, halb fort - und immer Sehnsucht nach beidem. Ein Stück Patchwork sein. Und dies wiederum bedeutet: in Bewegung zu bleiben. Es erzählt eine Geschichte, tendenziell paradox: es erzählt davon, nomadisch angewachsen zu sein.
Eine Adresse außen, eine innen
Meine Großeltern hatten, wie sie sagten, alles verloren. Doch das stimmte nicht. Sie lebten noch. Und ihr gesamtes Eigentum war in Geschichten verwandelt worden. Sie erzählten sie immer wieder, wenn auch vielleicht nicht besonders gut. Sie malten sie nicht aus. Dafür saß ihre Geschichte ihnen zu eng im Hals. Geblieben waren ein paar Silberlöffel, ein paar Leintücher, Wörter.
Wörter mit und ohne Gänsefüßchen, zusammenfügbar zu Erzählungen wie Der Dackel in Backofen.
Verschmitzten Gesichtes stapfte Großvater am Morgen eines 24. Dezembers Mitte der 30er Jahre durch den schlesischen Schnee. Eine Hand im Mantel, die andere unter der Weste. Eben wurde es hell, der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, erste Lichter brannten in den Häusern, sein eigenes lag dunkel. Die knarzende Haustür bewegte er langsam, streifte die Schuhe ab und schlich in die Küche, die er sonst nur betrat, um etwas zu naschen. Großvater versteckte sich hinter der Tür, die in die Vorratskammer führte. Endlich erschien Großmutter; ohne sich lange umzusehen, begann sie mit den Weihnachtsvorbereitungen, knetete Mohnkuchenteig, heizte den Backofen vor, blieb stehen, brauchte ihre Bleche, fand sie nicht, öffnete den dunklen Ofen, da war eines – doch obenauf lag etwas Kleines, Braunes, Atmendes und schaute sie aus großen Augen an. Als Kind wurde mir als an dieser Stelle warm, als komme mir die Ofenhitze entgegen. Oder die Angst des kleinen Welpen. Sein Erstaunen. Und auch die Wärme des gelungenen Coups, denn ich sah Großvaters Grinsen hinter der Vorratstür. Eine Küche, ein Weihnachtsmorgen, der Dackel im Backofen - eine Überlistung, mit Augenzwinkern, und ein Bild mehrfacher Hilflosigkeit.
Heimatgefühl?
Das letzte Foto meines Großvater zeigt ihn auf einem von meinem Vater gegossenen Betonsockel an dem kleinen Fischteich im Garten meines Elternhauses. Die Fische hatten die Phase, in der sie aus dem Teich sprangen, kaum schien Sonne aufs Wasser, soeben überwunden. Natürliche Selektion; Vater griff nicht ein. Das Elternhaus war ebenfalls fertig gebaut, jetzt galten Ankunft, Aufstieg, Verwurzelung. Das neue Domizil stand, anders als das Miethäuschen zuvor, weit weg vom Flughafen; unser Leben in der Einflugschneise war real vorbei und sollte dies auch metaphorisch sein. Allein, Großvater saß neben dem Teich, als reichten seine Füße nur noch mit Stelzen auf die Erde. Schwarzweiß ist sein Gesicht, rund und seltsam warm.
Heute weiß ich, dass er in seinem Leben drei-, fünf-, zehnmal dem Tod „von der Schippe“ sprang. Hätte er so gesagt? Hätte gesagt: verschont, gerettet, Glück gehabt? Vielleicht war es seine Aufgabe, falls es so etwas in einem Leben gibt, 25 Jahre als Vertriebener zu leben. Man kennt solche Aufgaben selten, doch manchmal offenbaren sie sich, blitzartig, hell - der Umriss der Zukunft, an die Wand geworfen, ein Bild, eine Karte, auszufüllen noch. So oft war er mit dem Leben davongekommen, um dies zu leben: nirgends zu sein. Nicht zurück zu können, nicht anzukommen. „Heimat“ in Gänsefüßchen, das verzerrte Zitat des eigenen Schmerzes.
Während der Körper so sichtbar und offiziell an einem neuen, greifbaren Ort lebte. Mit Adresse.
Eine Adresse außen, eine innen.
Und die Herkunft ein schwarzer Fleck, ganz weiß.
Wenn man darüber sprach, über Damals, das Andere, dann nicht darüber, was dazu geführt hatte, dass man es verließ. Die Wörter, die zu hören waren, blieben immer gleich: Russen, Feinde, Kommunisten, Verlust, Angst, Dummheit, Streuselkuchen, gute alte Zeit. Was sich dabei übertrug, war, milde gesagt, ihre Unzulänglichkeit. Und, viel später, lange nach dem Tod der Großeltern, nachdem ich mich über ihre Un-Erklärungen nicht mehr aufregen musste, die selbst in diesen geklitterten Geschichtsstücken (vor den Sprechern) verborgene, innere Angewiesenheit auf Anerkennung. Ich spürte Unsicherheit und Gespaltenheit; und verstand vielleicht etwas von den Spuren, die Geschichte hinterlässt, wenn sie einem zustößt, im Wortsinn. Wenn nicht mehr etwas passiert, sondern man selbst passiert wird. Durch ein Sieb gestrichen, zerlegt, püriert. Das, was später Historie heißt, hat einen am Wickel, reißt hinein in seinen Backofen, egal, was man bislang getan hat oder nun tut. Es ist viel größer als man selbst; es wirbelt einen herum, als hinge man als Fleischkloß in einem riesigen Hundemaul. Aus seltsamen Gründen, die man nicht kennt, überlebt man. Später schämt man sich dafür. Schämt sich.
Und braucht Mut.