Vorliebe

Vorliebe

Roman
Luchterhand 2010, 19,95 €

Ein Wiedersehen, das einschlägt wie ein
Blitz: Plötzlich steht die Astrophysikerin
Harriet ihrer großen Liebe von einst
gegenüber. Und allmählich, aber
unaufhaltsam, gerät ihr bisheriges Leben
aus seiner geordneten Umlaufbahn.
Ulrike Draesners neuer Roman: ein mit
großer Lust und Rasanz betriebenes
Forschen nach den romantischen
Gefühlen in Zeiten der Abgeklärtheit.

Harriet, halbindisch, mathematikbegeistert,
macht in ihrem Beruf aus wissenschaftlichen
Daten schöne kosmische
Bilder, ein wenig Lüge darf dabei schon
sein. Auch zuhause hat die einstige Liebesenthusiastin
alles gut eingerichtet
mit Partner Ash und Ben, dessen Sohn
aus einer früheren Beziehung. Doch
dann fährt Ash mit dem Auto ausgerechnet
die Frau von Harriets Jugendliebe
an, und Peter, der Mann, den sie
längst vergessen zu haben glaubte, tritt
von Neuem in ihr Leben. Ein vermeintlich
harmloses Liebesgetändel beginnt:
Man ist ja offen, Heimlichkeiten und
Eifersucht sind antiquiert, man verhält
sich den Klischees der Gefühlswelt
gegenüber scheinbar abgeklärt. Doch
Ulrike Draesner schickt die Heldinnen
und Helden ihres neuen Romans auf
wunderbar verspielte Weise in ein irrlichterndes
Labyrinth aus romantischen
Verwicklungen, das eine der Figuren
nicht lebend verlassen wird.

Textauszug | Kritik

Was für eine schwachsinnige Idee.

Schwachsinniger war nur eines: das Bad hatte geöffnet. Mitte Oktober. „Global warming“, hatte Ash gesagt, „so haben wir wenigstens was davon.“

Sie wanderten den fast leeren Strand hinauf, Ben trottete hinterher. Als dünner Holzfinger streckte sich der Hauptsteg ins Wasser, eine alte, grotesk eckige Uhr bewachte den Aufgang. Quer über den See tuckerte ein einzelner Dampfer. Als das erste Stück der Pfaueninsel sich ins Blickfeld schob, erzählte Ash von Pfauenmännchen: ein japanischer Forscher habe jüngst am Beispiel ihrer Glanz-und-Glorienenden eine gegen Darwin gerichtete Handicap-These entwickelt. Ihr zufolge nahmen die Hennen diese Männchen weder, weil die Schwänze einen Fortschritt darstellten (sie waren kein Fortschritt) noch weil sie die Schwänze schön fanden, sondern weil die Hähne zeigten, dass sie trotz dieser immensen, sie auf den Boden verdammenden Behinderung, noch immer lebten.

Weder Jet noch Ben lachten. Gut, er hatte sie zu diesem Ausflug so gut wie gezwungen. Die Eintrittskarte für ein „Familienbad“ einfach auf den Frühstückstisch gelegt. Etwas Britisches wollte er ihnen beibringen, Ben vor allem. Jet hob einen blauen Spielzeugrechen auf. Sie hatte es ruckzuck „die englische Abhärtung“ genannt.

Ruckzuck. Das „Great-Brits-Programm“.

Sie spottete gern in letzter Zeit, fand er.

Sie fand, er jammerte gern. „Ich friere“ hätte er jetzt aber auf keinen Fall gesagt. Es stimmte nur. Offensichtlich hatte er sich an vieles in Deutschland gewöhnt, unfreundliche Busfahrer, nicht endende Vergangenheitsdiskussionen, den eigenen Plätzchenbauch im Dezember, die Deutsche Bundesbahn. Und deutsche Heizungen. Ben, demonstrativ nur in Shorts und kurzärmeligem T-Shirt, bezog etwas abseits auf einem Handtuch Position. Ganz Trizeps-Bizeps. Ash ärgerte sich doppelt, ohne zu wissen warum.

Jet stand im Wasser. Zwischen dem halbgrauen Himmel und der leicht gekräuselten silbergrauen Fläche des Sees sah sie braunhäutiger aus als sonst.

Sie rief: „Es ist warm! Probier’s doch.“

Er lächelte ihr zu.

Sie watete auf und ab, tiefer in den See, drehte sich noch einmal um: „Warum glaubst du eigentlich, dass es für dich immer gut ausgeht?“

Ihre Stimme klang neutral, ja hell. Überraschend weit trug sie über das Wasser. In das Harriet so mühelos eintauchte als plansche sie in einer Badewanne. Sie schwamm Richtung Steg.

Ob sie eine Antwort erwartet hatte? Er saß auf einem dicken Frotteetuch, die Waden vor Kälte rot. Dabei wurden in England schon Einjährige ab November in kurzen Hosen ausgefahren, also aufs Leben vorbereitet. Vergebens. Ein paar Jahre Deutschland, und man war ein Weichei. A soft egg. Auf englisch klang das nach Irrsinn. Oder einem bösen teutonischen Trick.

Missmutig rief er Jet nach: „Ben kommt vielleicht.“

Aber sie hörte nicht mehr (tat, als höre sie nicht?), und der Sohn hatte Stöpsel in den Ohren. Er schien so wenig wie Ash daran zu denken, den Wannsee und seine Haut miteinander bekannt zu machen. Torpedierte das Ziel des Ausflugs.

Unvermutet fühlte Ash sich getröstet.

Nach einer Weile stand er auf und folgte Jets Schwimmweg. Das Metalltürchen auf den Steg ließ sich mühelos öffnen, am anderen Ende der Holzkonstruktion wurde der See anscheinend doch tiefer, das angerostete Eisengestell eines Sprungturms ragte auf. Jets Arme teilten kraftvoll das Wasser, sie schwamm Brust, tauchte nach jedem Atemholen unter, dabei drückte sich ihr Hintern nach oben. Ihr Körper gefiel ihm noch immer, fast ärgerte ihn auch das. Er konnte nicht wegsehen.

Wieder tauchte sie ein; sie trug einen schwarzen Badeanzug, der ihre Wölbungen umspannte, Ash musste an den Saltopus denken und etwas Bitteres saß für einen Augenblick in seiner Kehle. Jet streckte ihre Rückseite noch weiter heraus und verschwand; kurz darauf sah er ihre Füße, schmal und sehr weiß, knapp unter dem Wasserspiegel gehen.

Ein altes Spiel. Harriet war stolz darauf, wie lange sie Luft anhalten konnte, und lief auf Händen über den Grund des Sees. Die zum Himmel gerichteten Sohlen, so hell und seltsam länglich, mussten knapp unter Wasser bleiben. Erst wartete man, dass die zu den Füßen gehörende Person auftauche, dann gewöhnte man sich an das Bild und glaubte allmählich an ein Tier, eine Art Unterwasservogel oder eine unerhörte Seekrabbe mit feinen, knochenlosen Beinen.

Er stellte sich vor, wie die Nässe jetzt in jede ihrer Ritzen drang; der See machte die Haut glatt, alle Spuren nahm er fort. Jet wurde so rein davon. Ash war stolz auf sie und wollte zu ihr eilen, ihre Füße küssen, sie an den Füßen zu sich ziehen und sagen: habe ich dich wiedergefunden, endlich, da bist du ja.

Wie seltsam.

Aber so hatte er es gedacht. Der See spülte an den Strand. In St. Gabriel’s hatte er noch im Bett gehört, wie das Meer rauschte, und die Kiesel antworteten. Der dumme Spruch: Wirf die alten Frauen nicht in die See. Ein Bach aus teeblattfarbener und goldbraun gefleckter Erde rieselte in die Wellen, Luft stieg an der kalten salzigen Flut. Weiter innen, in den Hügeln, lagen Gesteinsbrocken in bizarren Formationen, fossile Rasenplätze aus fast kreisrundem schwerem Basalt, rau anzufassen oder vom Salzwasser geglättet, ein primitiver Tisch. Überall dort hatte er Luft gehört. Nicht als Wind, als Brise, als Säuseln. Nicht in Büschen, nicht als Vogelton. Sollte man in Japan ruhig Nadeln aus Pinienzweigen zupfen, damit die Begegnung des Baums mit dem Luftmeer reicher klang.

Er hörte Luft bei sich.

Stille Luft.

Nun war er Luftfahrtingenieur. Dünne Höhenwinde schnitten sich an Flügeln und strömten, berechnet spielend, verwirbelt nach unten und oben davon.

Zurück am Platz setzte er sich auf sein Tuch. Ben hatte sich nicht gerührt. In Büscheln standen seine stark gegelten, rotgoldenen Haare nach oben. Die Sommersprossen und sein Englisch hatte er erfolgreich weggebleicht. Und jetzt die Badehose vergessen – Ben. Hübscher Kopf, die Hirnmasse eines Ochsen. Ein Kind, aber 60 Kilo, dicke Muskeln und ... Ash war sich sicher, dass sein Sohn nicht schlief.

Einer Fata Morgana gleich waren zwei Mädchen ganz in ihrer Nähe auf dem kühlen Sand erschienen. Die eine, schwarzer Pferdeschwanz, hellblauer Bikini, schaute auf Ben, die andere blinzelte zu Ash herüber. Beide hatten riesige Brüste, schon mit 15 war angeblich die Hälfte der Pflänzchen operiert. Der umfangreiche Bikini der zweiten glänzte rot und orange - wie Werbung für die Sonne selbst hatten die Mädchen sich installiert, und wirklich cremten sie sich unsinnigerweise nun sogar die Beine ein - strecken, biegen, Höschenränder lüften.

25 Jahre Unterschied. Manche erregte das. Ash sah sich an, was zu sehen war.

Eine uralte vertraute Wärme durchflutete ihn. Sand, Steine, Frauen am Ufer. Das schräg fallende Herbstlicht brachte den gelben Klinker der langgestreckten, frisch sanierten Bade- und Sonnengebäude zum Leuchten. Er musste die Augen zusammenkneifen, um Einzelheiten zu erkennen.

Jet winkte, rief etwas. Die Mädchen bauten einen Steinkreis. Ben lag, als hätte man ihn gefällt. Ash wäre jede Wette eingegangen, dass er eine Erektion hatte, einen verdammten jugendlich harten Ständer, und nicht wusste, wie er je wieder aufstehen sollte. Eine der Nixen schien das Gleiche zu denken, jedenfalls saß sie so, dass es nicht besser werden konnte für Ben. Sie war dunkelgolden und rosa, kräftig, doch nicht dick oder formlos. Sie rauchte, graue Asche fiel auf den cremefarbenen Sand.

Am Wasser sah und dachte er Dinge, von denen er sonst nur in Heathrow las. In Heathrow kaufte er sich immer eine Sun.

Möwen, vom ständigen Fischfressen selbst fast fischförmig, trieben in Aufwinden über dem warmen See.

Dass er, Ash, aus Sehnsucht hier saß?

Sein Sohn hatte sich ihm also angeschlossen. Frauen ansehen, eine uralte, gute Sache. Frau um Frau. Die Sache mit Jet war anders. Keine Flüssigkeit, die sich einfach umgießen ließ in ein frisches Gefäß. Eher etwas, das aus dem Eimer schwappte, kaum hob man ihn an.

Er beschloss, ein Eis kaufen zu gehen. Vielleicht würde ihm davon wärmer. Die Sandfläche, hubbelig wie ein nass gewordenes Buch, lief nach hinten auf einen lichten Wald von Kiefern und verfärbten Laubbäumen zu, der bald näher ans Ufer kam, bald als schmalerer Saum Richtung Straße zog. Geschlossene Strandkörbe standen verstreut, niemand kümmerte sich darum. Jet, seine Jet, war zu einem kleinen Punkt im Wasser geschrumpft. Er erkannte sie nur mehr mit Mühe; seit ein paar Wochen, ja, eigentlich seit seinem Unfall, war sie extrem sportlich. Kaum zuhause, stürzte sie fort zum Joggen oder ins Fitnessstudio. „Herzsportlich“, hatte sie zu ihm gesagt. Das Ergebnis ließ sich sehen. Hübscher denn je, er dachte: „in Fahrt gesetzt“, aber das kam wohl nur von dem Dampfer, der auf seinem Weg zurück Ash tuckernd überholte.

In den hellen Arkaden flackerte ein einsames, rotweißes Langnese-Schild. Alles andere schien leer, weder Mensch noch Tier. Die sachlich gehaltenen Badegebäude schmiegten sich erstaunlich unauffällig in das ansteigende Seeufer. Auf den Sonnenplateaus knatterten die Fahnen der Bäderbetriebe im ewigen Berliner Wind, eine Gruppe alter Weiden begrenzte den Blick nach Süden. Der Zeiger am Steg ruckelte voran, die Uhr musste noch Original aus den 60ern sein. Damals war Jet nicht einmal geboren - für Sekunden brachte dieser Gedanke ihn angenehm weit fort von ihr. Immerhin hatten die Nazis keine Spuren hinterlassen, zu spät gekommen für das alte Volksbad, da hatte das Wort nicht diesen blutigen Beigeschmack. Aber gegenüber lag die Schreckliche Villa, und da hatte es ihn.

Seit 18 Jahren lebte er hier, benutzte die Stadt, ohne ständig an ihre Vergangenheit zu denken, ein derartiges „ständig“ machte jeden Gedanken leer und war ein Unrecht eigener Art, das hatte er hier gelernt. Er leb-zappte wie die meisten anderen auch, lifezapping, ein User, einer, der Fenster öffnet und schließt, ohne dazugehören, und kaum saß er in London, erging es ihm dort ebenso, und alles war glatt geworden, glich sich, war schnell.

Was für Zeug in seinem Kopf! Er wollte sich zusammenreißen. „Zusammenreißen“ – auch so ein deutsches Wort. Er hingegen hatte gestern gedacht, er sei ein Eimer, bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Hing an einem Seil, mit den Jahren hatte es sich eingedreht, seit dem Sommer drehte es sich aus, sein Wasser stieg an den Rand, schwappte über. Reißen? Er brauchte eine Kur!

Als er sein Handtuch erreichte, die kalten Eispackungen in den Händen, war Jet wieder da.

Ihre Brüste hatten sich gestrafft. Es war also doch kalt. Sie wickelte sich in Frottee, setzte sich auf Ashs Matte und rief: „oh, ein Eis“.

Die Haare lagen ihr eng am Kopf. Es machte sie ernster. Erneut lächelte sie ihm entgegen.

Er hatte nur zwei Eis gekauft.

Dachte er, dass sie keines wollte? Er bot ihr seines an, aber natürlich hatte sie bemerkt, dass er sie vergessen hatte. Dass er sie vielleicht hatte vergessen wollen.

Sie überspielten es. Wozu war man erwachsen. Sie sagte: „bleib“, und griff nach seiner Hand.

Es gab keinen Grund, unglücklich zu sein.

Ben, auf seiner Decke, genoss sein Magnum allein. Vorsichtig - der Schokoguss brach immer in zu großen Scherben - biss Jet ab und reichte den Stiel an Ash. Die Bewegungen ihres Arms waren so vertraut, kurz streiften ihre Finger die seinen. Es war Mittag; der Boden roch nach warmem Sand, und der Duft des vergangenen Sommers stieg durch die ausgebreitete Wolldecke zu ihnen hinauf. Gute Augenblicke - wie es gewesen war.

Dieser Gedanke erschreckte Ash so sehr, dass er das Eis in den Sand fallen ließ.

Jet zog einen Schmollmund, und Ben gab ihr, gönnerhaft, etwas von seinem ab. Frau und Sohn schauten Ash nun an wie Feinde. Die Wolken rissen immer weiter auf, und Sonnenschein, der alte Clown, stürzte sich auf die Szene.

Ben klickte sein Piercing mehrfach laut gegen die Schneidezähne und schleckte an dem bereits abgenagten Stiel. Die Mädchen schauten.

„Hör auf zu schmatzen, wenn du mit uns zusammensitzt!“

Sofort streckte sich Ash das Hölzchen entgegen, eingespeicheltes Ende voran. Bens Uhr glitzerte auf, wasserfest, stoßfest, Weltzeit. Ash hasste dieses Geprotze, diesen schlechten Geschmack, dieses Anka-Gen. Sein eigenes Eis machte einen nassen Fleck in den Sand.

Jet zog sich an. „Lass Ben doch, Männer schmatzen nun mal gern.“

„Damit kennst du dich ja aus“, sagte Ash.

Sie stand, er saß neben ihren Knien. Ihr Busen, von unten. Man konnte einen Bleistift darunter einklemmen. Kein Silikon. Er hätte gern hingelangt.

„Ich hoffe doch“, sagte sie.

Ihre Augen spotteten auf ihn herunter.

Ben ließ den Eisstiel in den Sand fallen. Reine Provokation. Offensichtlich hatte der Vater es mit einem Fünfjährigen zu tun.

„Seine Badehose hat er auch zuhause vergessen“, jammerte Ash. „Und das Englischbuch!“

Jets Augen blitzten. „Hast du Angst, dass er mir aus Schusseligkeit noch von der Tüte im Citroën erzählt?“

„O, die Tüte“, sagte Ash.

Kippender Horizont. Die Tüte. Der Horizont: ein auf einer Rolle fixiertes Brett, dessen Ränder auf- und abschwangen wie Flügel.

„Du hast sie...“, murmelte er.

Seitenblick auf Ben. Der Junge hatte sich aufgesetzt, die Ohrstöpsel in der Hand, und sah auf die Erwachsenen wie ein Preisrichter. Für ihn waren sie wohl zwei Pfauen, im Ringkampf.

„Sie gehört also dir?“, fragte Jet in dem Versuch, das Blatt zu wenden. Ihre Stimme klang deutlich kleiner als zuvor.

Ash lächelte.

Die Nixen rückten näher. Auf dem mattglänzenden, braunen und grünlichen Sand hatten sie flache Zickzackmuster aus Steinen gelegt.

„Also“, sagte Jet heiser, „du hast... hast so einen... Flamingo!“

Das Wort schoss auf ihn zu. Im Englischen hießen schöne Frauen „birds“. Aber Flamingos? Die waren zu groß.

Ben grinste. Er schien Punkte zu vergeben. Er hatte sich noch nie wirklich verliebt.

Beide schauten ihn an. Jet wiederholte sich, als sie flüsterte: „Warum glaubst du, dass es für dich besser ausgeht als für mich?“

Alles fällt ihm zur Antwort ein, und nichts. Er könnte zurückfragen. Retourkutsche. Dieses Wort hat er früh in Deutschland gelernt, von Anka noch. Am Wassersaum liegen Kleckse von dunkelbraunem und rötlichem Gallert, Tüten, Plastikfetzen, nicht sehr sauber, der Wind hat in den Körben gewühlt. Das Bad ist schäbig, plötzlich sieht er es.

Jets Augen werden blass. Als folge sie seinen Gedanken. Das hat er früher öfter geglaubt; jetzt überrascht es ihn.

Ben lachte, d-a-s also nenne sich Familienbad. Perfekt!

Drei Minuten später saß er auf dem Nixenhandtuch, ein Mädchen links, das andere rechts, und zeigte seine Uhr.

Ash räusperte sich. Er machte einen ernsthaften Anlauf. Sein rechtes Lid zuckte, als hinge es an einem Angelhaken. Wenn er nervös war – er hasste das. Seine Turbinen liefen so viel runder und zwangloser als er selbst.

Das helle Hautdreieck zwischen Harriets Brauen spöttelte ihn schon wieder an.

Er verstand nicht, wie sie die Situation erneut gedreht hatte. Eben noch die Plastiktüte, ihre Eifersucht, und er, der nicht antwortete, das war doch „der längere Hebel“, so hieß das doch. Die deutsche Sprache war voller Mechanik, ihre Benutzer schickten sich Antworten als Kutschen, hatten „lange Leitungen“, auf denen sie gern standen, oder gingen einander auf den Wecker, wobei ‚Wecker’ war, wie sie ihre ‚Nerven’ begriffen. Das gefiel ihm, sogar jetzt.

Der Dampfer ruckelte wieder aus der Anlegestelle, das graugrüne Wasser spiegelte die weiße Silhouette. Jets Augen schienen verändert, seit Wochen schon.

Am Wasser dachte man Dinge, die man nicht einmal in der Sun gern las.

Und was sagte man?

Er konnte eins und eins zusammenzählen. Er wollte nicht, er wollte nicht.

Ein einzelnes Flugzeug kreiste, als solle es Fische fangen, über dem See. Ash wandte den Kopf, das Wasser blendete, nach oben stieß es immer neue Wolken aus, die glichen Schaflocken in unnatürlicher Vergrößerung.

Jet hatte sich hingelegt und die Augen geschlossen. Ihr Gesicht war, aus dieser Nähe besehen, aus breiten Hautflächen gefügt, das herbstliche Licht legte einen grünlichen Glanz darüber, etwas Mineralisches, das Gewicht eines klaren, ungemaserten Steins, von einem Tempel herbeigeholt. Etwas war aus seinem Leben gewichen.

Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Unsinn!

Wenn er die Lider schloss, konnte er Jet riechen. Doch das Gefühl wurde nur stärker: Etwas war dahin; wie sehr er auch danach greifen mochte, er würde es nicht mehr finden.

Er rollte sich in sein Handtuch. Ben ging zum Ausgang des Bads, kurz darauf folgten ihm die Mädchen; Ash wusste nicht, ob sie sich vor dem Tor wieder treffen wollten. Ihre silbrigen Silhouetten vorm Sandhorizont schrumpften zu dünnen Strichen, für Sekunden wollte ihm scheinen, alle drei hätten einmal zu ihnen gehört.

Seine Frau raschelte in ihrer blumigen Einkaufstasche. Früher hätte er es als Verbundenheit verstanden, dass sie ein englisches Buch hervorzog; jetzt wies selbst das von ihm fort. Das Buch hieß Eureka, er hatte davon gehört, ein astronomischer Essay. Warum es nachts dunkel war. Warum man nicht in Sternenlicht schwamm. Gewiss, wenn man sich den Himmel vorstellte wie einen deutschen Wald mit Sternen statt Bäumen, blieb das unbegreiflich.

Wolken, vereinzeltes Bübchenblau. Aufrechnen war sinnlos, weil nie jemals nichts, nein, nichts jemals nach Rechnungen funktionierte. Never ever anything. Weit hinten leiser Verkehr, ab und an das Gluckern seines Bauches, das Rascheln unhörbar atmender Amseln im Gebüsch. Eine flog auf mit kurzgehacktem Winterruf. Links am Taghimmel stand, sehr hell, fast unsichtbar, der Mond.

Fast war ihm, als wolle er weinen. Am Himmel interessierte ihn, wie man darunter vorankam. Am Eimer, wie das Wasser sich noch immer anschmiegte an die eiserne Form, auch wenn es bereits hinausflog. Jet lag in gekünstelter Haltung auf ihrer Decke, mit dem Rücken zu ihm. Er hatte sich zur Seite gedreht, fuhr mit dem plastikblauen Kinderrechen durch den Sand. Sie gab nur vor zu lesen, er durchschaute sie leicht.

Erst als sie das Buch zuklappte und begann, ihre Sachen zu packen, rappelte auch Ash sich auf. Er bückte sich vornüber, um sein Handtuch zu falten, die Haltung quetschte den Atem, er fürchtete, dass Jet ihn keuchen hörte.

„Als ich Anka verließ, habe ich etwas gelernt.“

Ein desinteressiertes „und?“; weit fort, wie von der anderen Seite des Sees.

„Bei einem Paar ist immer der Schwächere um den Stärkeren gegossen. Eine Form. Zerstörst du den einen, zerstörst du den anderen.“

Er hatte lange darüber nachgedacht, wie er es sagen sollte. Es klang noch immer ein wenig nach Kokillenguss.

Sie richtete sich auf. Ihr Blick war jetzt dunkelgrün, wasserfarben. Für einen Moment kam ihre rosa Zungenspitze zwischen den Lippen hervor.

Er hatte das Gefühl, sich selbst mit ihren Augen stehen zu sehen: hohe Stirn, kurze Nase, Sommersprossenrot. Ein paar Falten auf der Stirn. Eureka? Der alte Ash.

„Ich meine nur“, sagte er leise, „wenn du es auflöst, komme ich nie mehr zurück.“

Textauszug | Kritik

„Beinahe alles findet sich wieder, was sich in den vorangegangenen Romanen der Lyrikerin Ulrike Draesner gefunden hat Die Neugier auf Wissenschaft, auf wissenschaftliches Arbeiten, wissenschaftliche Erkenntnis, darauf, beides in der Literatur zu vereinen, das fragile moderne Körper-Seele-Verhältnis, die Erkundung des Gesellschaftlichen, die Untersuchung der Familie als Urgrund aller emotionaler Eruptionen, die Suche nach der Identität. Alles da. Und doch scheint dieser Roman wie eine Kapsel zu schweben durch den Draesnerschen Erzählkosmos. Die bisherigen Regeln der Schwerkraft sind aufgehoben. (...)

Alles ist unaufdringlich, aber wirkungsvoll und zielgerichtet. Immer neue Muster erkennt man bei immer neuem Lesen. Vom Bildermachen und -sehen, vom Blick auf die Welt erzählt Vorliebe. Von den Grenzen der Wissenschaft und der Religion. Von der Sprengkraft der Gefühle gerade ein nüchternen Zeiten. Von den brüchigen Verhältnissen in Beziehungen bei einem Paar, heißt es einmal, ‚ist immer der schwächere um den stärkeren gegossen. Eine Form. Zerstörst du den einen, zerstörst du den anderen.‘ Bis zum Eklat, bis zur Zerstörung treibt sie die fatale Affäre.“

Die Welt, 23./24.1.2010

‚Vorliebe‘ ist ein romantisches Buch, das zu intelligent ist, um Gefühlsstürme auf Normalmaß reduzieren zu wollen, zu emotional, um die Schönheit von Logik und Wissen zu vermeiden, zu humorvoll, um nicht ernste Scherze zu wagen. Fast selbstverständlich gelingt der Sprung vom Fragmentarischen in die Einheit der Fülle. Der flexible, wohlrhythmisierte Satzbau gibt dem Lesefluss das richtige Tempo, neue Wörter wie ‚luftbenommen‘, ‚Gottamöbe‘, ‚Harrietoid‘, ‚Herzersatz‘ setzen Glanzpunkte, und wie in Draesners vorigen Romanen, zu denen es vielerlei Verbindungen gibt, überzeugen die dramatischen Szenen in ihrer Klarheit, Spannung und Gefühlsintensität.

Wirkungsvoll vermischt Draesner unsere chaotische Moderne mit Märchenhaftem und Mythischem. Die sieben Geißlein, Rotkäppchen und der Wolf, der hier eine Wölfin ist, treiben sich in der Liebesgeschichte ganz selbstverständlich herum. Sie bereichern das beeindruckende Roman-Panorama, in dem niederländische Maler, ‚Sex and the City‘, Ikarus und Dädalus, sumerische Keilschriftlisten oder Bildbearbeitungsprobleme bei der Wiedergabe kosmischer Bilder in einem spannungsreichen Verhältnis stehen (...)

Zu den vielen Erkenntniserlebnissen für Geist und Sinn, die ‚Vorliebe‘ bietet, gehört eine für alle Leser wohl ideale Empfindung, die die Heldin nach dem ersten und letzten Wochenendausflug mit dem Geliebten durchströmt: ‚als wäre sie plötzlich aufs angenehmste allein‘.“

Frankfurter Rundschau, 6./7.2.2010