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Spiele Spiele

Spiele

Roman
Luchterhand Verlag 2005, 21,90 €
btb 2007 (TB), 9 €

Textauszug | Kritik

1
(U-Bahn)

Ein weißer flatternder Ball, der in die Luft sprang, nach unten fiel, der - fluffig geplustert - mit zu kleinen Flügeln mehr federte als flog, eine verzerrte Form, ganz Gackern und Kreischen, ein Schrei. Einige im Waggon lachten, andere schüttelten den Kopf, alle versuchten, dem panischen Körper auszuweichen, doch der prallte wieder und wieder gegen die schmutzigen Leisten, gegen die laminatverklebten Seitenwände, die dem Wagen den Wohnzimmercharme des Vorpop verliehen. Dünne, krank aussehende Daunen klebten auf dem Fußboden, selbst die Stursten ließen nun die Zeitungen mit den Sportberichten sinken, da sah sie sein Auge. Schwarzpoliert, umgeben von einem roten Rand, saß es inmitten zitternder Federn. Klein, rund, stillgestellt. Das Auge einer Puppe. Nur der zugehörige Körper zickzackte als Federball, flog hüpfte flatterte den Gang zwischen den Sitzreihen hinunter, kopflos, blind, stob auf, fiel herab, wahnsinnig vor Angst, aus Angst zu allem entschlossen, ein panisches, laut schreiendes, dann wieder verstummendes, um sein Leben kämpfendes - Huhn.

Ein schreiendes weißes Huhn. In der nagelneuen, neu riechenden und neu riechenden Fahrtwind vor sich herschiebenden U-Bahn. Der starre Schnabel, die lidlosen Augen. So etwas zeigt keinen Schmerz. Zumindest nicht so, dass Menschen, gewöhnt an die Beweglichkeit von Gesichtern, ihn erkennen. Doch der Schmerz war zu riechen, als schwitze das Huhn ihn aus, er hing in der Luft, ein Gemisch aus Drüsensekret und elektrischer Spannung, die Todesangst eines Tieres.

Gespannt wurde der Kampf des Huhns mit seinem Schicksal verfolgt. Für das Huhn hatte das Schicksal die Form eines U-Bahnwaggons. Für die Leute war es ein Kampf des Huhns mit sich selbst. Seine Angst roch überraschend, fast gut. Jedenfalls nicht unangenehm. Die Titelzeile der BILD Huhn kackt neue U-Bahn voll gab das nicht wieder. In einer anderen Ausgabe hieß es: Münchner U-Bahn total bek(n)ackt.

Du Sauhuhn, rief einer, er trug keinen Gamsbart am Hut, vermutlich trug er gar keinen Hut, denn es war zu heiß dafür in diesem August, aber so sitzt er nun da: in gewürfeltem, breitkragigem Hemd mit Filzhut und Gamsbart, du dreckertes Huhn!, versaust no an goanzn Wogn! Es hatte tatsächlich etwas weißgräulichen Kot fallen lassen, ein paar Federn taumelten hinter ihm durch die Luft. Komisch, und ein bisschen peinlich war es auch: in der neuen U-Bahn, die der Stadt endlich Großstadtflair verhieß, ja etwas Weltmännisches verlieh, gackerte, kackte und rannte ein Bauerntier, weiß und nervös, und fangen ließ es sich nicht.

Samstag, 26. August. Die Bahn blockierte schon seit fünfzehn Minuten den nachfolgenden Verkehr. Jetzt werden sie gleich kommen, sagte Jozef und griff im Reflex nach Katjas Hand, nicht dass die Enkelin ihm zur Tür hinausrannte, was natürlich das Huhn hätte tun sollen. Doch noch immer sprang es durch den Wagen. Ein paar Jungen jagten hinter ihm her, zwei Frauen - die Handtaschen mit beiden Armen fest auf die Schöße gepreßt, zum Schutz gegen das wahnsinnige Tier -, riefen ihnen aufmunternd altbayerische Jagdschreie zu, ein Gastarbeiter, der wie aus dem Bilderbuch an einem dicken schwarzen Schnauzbart als Gastarbeiter zu erkennen war, nickte versonnen, da schnauften die beiden Polizisten herein. Sie schwitzten; dick hingen die Pistolen an ihren Polizeigürteln, die Polizeibäuche hingen darüber. Man machte ihnen Platz, was natürlich zugleich Platz für das Huhn war, das den Freiraum nutzte. Mit letzter Kraft, wie Katja schien. Vor Schreck zog sie Jozef am Jackenärmel - das Huhn raste, geduckt und ganz klein, ein weißer wilder Tennisball mit irrsinniger Beschleunigung und wahnsinnigem Dreh, zur Tür. Die einer der Jungen noch an ihrem metallischen Griff zuzuziehen versuchte. Eine Polizeikappe lag auf dem Boden. Katja schaute in den leuchtend orangefarbenen Bahnhof hinaus, denn schon war das Huhn, das sich keineswegs als dumm erwies (Bild: wie sonst auch wäre es der Händlerin am Viktualienmarkt entwischt, als sie ihm eben die Kehle durchschneiden wollte), zur Tür hinausgestürzt. Laut fluchend stürzte die bayerische Polizei hinterher. Der nach Plastik, Tunnel und Kabel riechende Abfahrtwind der endlich befreiten U-Bahn blies den Beamten in den Nacken. Eine Polizeikappe wurde wieder aufgesetzt, eine andere zurechtgerückt, jetzt blies der Wind auch Katja und Jozef an, sie hatten sich in die Menge auf dem Bahnsteig gedrängt.

Ah, seufzte Jozef, nun endgültig nach Katjas Hand tastend, die er nahm, um seine Enkelin nicht zu verlieren, tatsächlich aber, um sich ein wenig auf sie zu stützen, ein Gefühl, das Katja mochte, sie war 12, eher klein für ihr Alter, aber kräftig, so dass Jozef, in dessen linkem Bein eine Kugel aus einem der Kriege steckte, sich auf sie stützen konnte, ohne es zugeben zu müssen. Derart zusammengespannt machten sie sich an den Aufstieg in jene frische Luft, die in der kleinen geduckten Stadt, als die München Katja später erscheinen sollte, stets etwas von den Bergen in sich trug, einen Geruch von Gletschereis schon im August, den ersten frisch gefallenen Schnee im September.

Aber jetzt! Das Thermometer stieg. Etwas Großes lag in der Luft. Hart, wie gehämmert hing der Himmel über den Türmen der Stadt. Gehämmert aus blauen und weißen Blechen, aus denen man Spiele würde machen können. Nicht mit Brettern, Plastikhütchen und Würfeln, gefügig, willig, Spiele, die man verlieren konnte, ohne verloren zu gehen. Nein. Diese Spiele würden anders sein. Erwachsene hatten sie sich ausgedacht. Für Erwachsene waren sie gemacht. Große Spiele.

Spiele aus Gerät, Tier und Mensch.

Katja drückte Jozefs Hand, Jozef Katjas, sie wussten, dass sie das Gleiche dachten: hoffentlich schafft es das Huhn.

Doch Jozef wusste nicht, dass Katja dachte: wie das Huhn bin ich nach der Razzia auf Max vor ihm und den anderen davongerannt.

Textauszug | Kritik

„Es ist die größtmögliche Katastrophe der gerade erst der Pubertät entwachsenen Bundesrepublik: In der Nacht zum 5. September 1972 überfällt ein palästinensisches Terrorkommando die Quartiere der israelischen Olympiateilnehmer, erschießt zwei von ihnen noch vor Ort, nimmt neun Geiseln.

[…] so lange hat diese allzu offen klaffende Erinnerungslücke im historischen Untergrund irer endlichen Entdeckung geharrt, dass man sich augenblicklich wundert, warum bislang kein Autor sich dessen angenommen hat. Ulrike Draesner hat. Und das mit einer lustvollen, furchtlosen und dennoch bescheidenen Autorität, die ihr so schnell keiner nachmacht.

[…] Das ist er, der unverwechselbare Draesner-Sound, schon oft vernommen, doch immer wieder neu und unerhört: kurz angebunden, perfekt getaktet, immer im Fluss, doch hart geschnitten. Ihre semantischen Morsezeichen sind präzise, scheuen weder Banalitäten noch Tragik: blank liegen die Worte, wenn Ulrike Draesner sie so auseinander nimmt, so blank, dass weder der Kitsch noch die Gewalt sich hinter ihnen verstecken können. So märchenhaft ihre Geschichte, in die alle irgendwie verwickelt sind, so wahrhaftig die Sätze, die Draesner dafür findet. Als ob gerade ihr Ausloten der deutschen Sprache in der deutschen Geschichte – und der Erinnerung daran – sein eigentliches Thema gefunden hätte.

Berliner Zeitung

Versagen und Vertuschung, Schuld und Scham, Intrigen und Ignoranz – dies sind die menschlichen Ingredienzien, die Draesner hinter den sogenannten Fakten ans Licht ihrer literarischen Recherche holt. Von Anfang an spiegelt sie dabei die große in der kleinen Geschichte und springt dafür zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, wobei die Erzählung wie eine Helix spiralförmig voranschreitet, da das Attentat aus je zwei Zeitperspektiven wieder gegeben wird. [...] Spiele ist glücklicherweise gerade nicht der Politthriller, den viele vielleicht erwarten. Dennoch liest sich der Roman spannend wie ein Film, der den Leser mit Fragen, nicht mit Letztgültigem belohnt. Spiele gibt es darin übrigens erstaunlich viele – nicht zuletzt in der Liebe, von der Ulrike Draesner in diesem Roman mit wunderbarer Nahaufnahme erzählt.

D-Funk/Büchermarkt