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(U-Bahn)
Ein weißer flatternder Ball, der in die Luft sprang, nach unten
fiel, der - fluffig geplustert - mit zu kleinen Flügeln mehr
federte als flog, eine verzerrte Form, ganz Gackern und Kreischen, ein
Schrei. Einige im Waggon lachten, andere schüttelten den Kopf,
alle versuchten, dem panischen Körper auszuweichen, doch der
prallte wieder und wieder gegen die schmutzigen Leisten, gegen die
laminatverklebten Seitenwände, die dem Wagen den Wohnzimmercharme
des Vorpop verliehen. Dünne, krank aussehende Daunen klebten auf
dem Fußboden, selbst die Stursten ließen nun die Zeitungen
mit den Sportberichten sinken, da sah sie sein Auge. Schwarzpoliert,
umgeben von einem roten Rand, saß es inmitten zitternder Federn.
Klein, rund, stillgestellt. Das Auge einer Puppe. Nur der
zugehörige Körper zickzackte als Federball, flog hüpfte
flatterte den Gang zwischen den Sitzreihen hinunter, kopflos, blind,
stob auf, fiel herab, wahnsinnig vor Angst, aus Angst zu allem
entschlossen, ein panisches, laut schreiendes, dann wieder
verstummendes, um sein Leben kämpfendes - Huhn.
Ein schreiendes weißes Huhn. In der nagelneuen, neu riechenden
und neu riechenden Fahrtwind vor sich herschiebenden U-Bahn. Der starre
Schnabel, die lidlosen Augen. So etwas zeigt keinen Schmerz. Zumindest
nicht so, dass Menschen, gewöhnt an die Beweglichkeit von
Gesichtern, ihn erkennen. Doch der Schmerz war zu riechen, als schwitze
das Huhn ihn aus, er hing in der Luft, ein Gemisch aus
Drüsensekret und elektrischer Spannung, die Todesangst eines
Tieres.
Gespannt wurde der Kampf des Huhns mit seinem
Schicksal verfolgt. Für das Huhn hatte das Schicksal die Form
eines U-Bahnwaggons. Für die Leute war es ein Kampf des Huhns mit
sich selbst. Seine Angst roch überraschend, fast gut. Jedenfalls
nicht unangenehm. Die Titelzeile der BILD Huhn kackt neue U-Bahn voll
gab das nicht wieder. In einer anderen Ausgabe hieß es:
Münchner U-Bahn total bek(n)ackt.
Du Sauhuhn, rief einer, er trug keinen Gamsbart am
Hut, vermutlich trug er gar keinen Hut, denn es war zu heiß
dafür in diesem August, aber so sitzt er nun da: in
gewürfeltem, breitkragigem Hemd mit Filzhut und Gamsbart, du
dreckertes Huhn!, versaust no an goanzn Wogn! Es hatte tatsächlich
etwas weißgräulichen Kot fallen lassen, ein paar Federn
taumelten hinter ihm durch die Luft. Komisch, und ein bisschen peinlich
war es auch: in der neuen U-Bahn, die der Stadt endlich
Großstadtflair verhieß, ja etwas Weltmännisches
verlieh, gackerte, kackte und rannte ein Bauerntier, weiß und
nervös, und fangen ließ es sich nicht.
Samstag, 26. August. Die Bahn blockierte schon seit
fünfzehn Minuten den nachfolgenden Verkehr. Jetzt werden sie
gleich kommen, sagte Jozef und griff im Reflex nach Katjas Hand, nicht
dass die Enkelin ihm zur Tür hinausrannte, was natürlich das
Huhn hätte tun sollen. Doch noch immer sprang es durch den Wagen.
Ein paar Jungen jagten hinter ihm her, zwei Frauen - die Handtaschen
mit beiden Armen fest auf die Schöße gepreßt, zum
Schutz gegen das wahnsinnige Tier -, riefen ihnen aufmunternd
altbayerische Jagdschreie zu, ein Gastarbeiter, der wie aus dem
Bilderbuch an einem dicken schwarzen Schnauzbart als Gastarbeiter zu
erkennen war, nickte versonnen, da schnauften die beiden Polizisten
herein. Sie schwitzten; dick hingen die Pistolen an ihren
Polizeigürteln, die Polizeibäuche hingen darüber. Man
machte ihnen Platz, was natürlich zugleich Platz für das Huhn
war, das den Freiraum nutzte. Mit letzter Kraft, wie Katja schien. Vor
Schreck zog sie Jozef am Jackenärmel - das Huhn raste, geduckt und
ganz klein, ein weißer wilder Tennisball mit irrsinniger
Beschleunigung und wahnsinnigem Dreh, zur Tür. Die einer der
Jungen noch an ihrem metallischen Griff zuzuziehen versuchte. Eine
Polizeikappe lag auf dem Boden. Katja schaute in den leuchtend
orangefarbenen Bahnhof hinaus, denn schon war das Huhn, das sich
keineswegs als dumm erwies (Bild: wie sonst auch wäre es der
Händlerin am Viktualienmarkt entwischt, als sie ihm eben die Kehle
durchschneiden wollte), zur Tür hinausgestürzt. Laut fluchend
stürzte die bayerische Polizei hinterher. Der nach Plastik, Tunnel
und Kabel riechende Abfahrtwind der endlich befreiten U-Bahn blies den
Beamten in den Nacken. Eine Polizeikappe wurde wieder aufgesetzt, eine
andere zurechtgerückt, jetzt blies der Wind auch Katja und Jozef
an, sie hatten sich in die Menge auf dem Bahnsteig gedrängt.
Ah, seufzte Jozef, nun endgültig nach Katjas
Hand tastend, die er nahm, um seine Enkelin nicht zu verlieren,
tatsächlich aber, um sich ein wenig auf sie zu stützen, ein
Gefühl, das Katja mochte, sie war 12, eher klein für ihr
Alter, aber kräftig, so dass Jozef, in dessen linkem Bein eine
Kugel aus einem der Kriege steckte, sich auf sie stützen konnte,
ohne es zugeben zu müssen. Derart zusammengespannt machten sie
sich an den Aufstieg in jene frische Luft, die in der kleinen geduckten
Stadt, als die München Katja später erscheinen sollte, stets
etwas von den Bergen in sich trug, einen Geruch von Gletschereis schon
im August, den ersten frisch gefallenen Schnee im September.
Aber jetzt! Das Thermometer stieg. Etwas
Großes lag in der Luft. Hart, wie gehämmert hing der Himmel
über den Türmen der Stadt. Gehämmert aus blauen und
weißen Blechen, aus denen man Spiele würde machen
können. Nicht mit Brettern, Plastikhütchen und Würfeln,
gefügig, willig, Spiele, die man verlieren konnte, ohne verloren
zu gehen. Nein. Diese Spiele würden anders sein. Erwachsene hatten
sie sich ausgedacht. Für Erwachsene waren sie gemacht. Große
Spiele.
Spiele aus Gerät, Tier und Mensch.
Katja drückte Jozefs Hand, Jozef Katjas, sie
wussten, dass sie das Gleiche dachten: hoffentlich schafft es das Huhn.
Doch Jozef wusste nicht, dass Katja dachte: wie das
Huhn bin ich nach der Razzia auf Max vor ihm und den anderen
davongerannt.