RSS iconNewsfeed  |  Kontakt
gedächtnisschleifen gedächtnisschleifen

gedächtnisschleifen

Gedichte
Suhrkamp 1995
buch & medi@ 2000
btb 2005 (TB), 9 €

Textauszug | Kritik

pflanzstätte (autopilot IV)

zitternder körper, verpflanzungsgebiet - im
zitternden körper, meinem, schlägt dieses herz,
fremdgänger, als ich am grab stehe (auslöser),
zitternd über dem toten, über den erdpflanzen
(angegangen), ein losgelöstes augenflattern,
so heftig flimmern diese herzwände
erkennen den ort wieder (ein segen die
moderne medizin), unten das bodyasyl,
armenhaus, erkennen sie wieder, davon
hat keiner gesprochen, von diesen verkettungen,
diesem herzreden, nadelspitzer elektrosturm,
in meiner brust (pflanzstätte) angegangen
ein toter, die grablege reicht was
hinüber ein klammern reicht aus dem grab
ein restleben (rhythmuserinnerung), nichts meßbares,
diese plötzliche geschwindigkeitsneigung, meine,
mir einflüsternder dämon, dolmetsch
eines anderen lebens, haltlos, kammernzuckend,
als ich weine an diesem grab
da werde ich (herzmade) zum langsam
zernagten, von innen,
wirt eines toten.



dein kommen war in teilen,
die bald überwogen, ein gehen,
weil das kommen, deines, nur einen
teil seiner selbst, seiner bedeutung
hatte, dieses, von vornherein, kommen
in teilen, was aber nicht zu erkennen war,
nicht gleich, nicht für mich,

doch kam, als du kamst, nur ein teil
deiner selbst, weil es von vornherein
teil der bedeutung deines kommens
war, was heißt, daß dieses in
geteilten teilen kommen teil
der bedeutung dessen war, daß
du kamst und wieder gingst,
weil die bedeutung deines kommens
von anfang an ungeteilt war, nämlich
dieses, dein gehen, in teilen.

Textauszug | Kritik

Wie im Magnetfeld

Ulrike Draesners Lyrik
von Anton Thuswaldner

Sie ist kein einfacher Fall, diese Ulrike Draesner, die mit ihrer Lyrik drauf und dran ist, die literarische Szene in Bewegung zu bringen. Sie ist ein versponnener Geist, der Netze auslegt. Darin verfängt sich so allerlei, Privates wie Zeitgeschichte, Literatur von Zeitgenossen wie Phantasien, die sich in ihrem Kof einfinden und die gerade, bevor sie sich verflüchtigen, noch festgehalten werden. Aber diese Autorin ist vor allem heillos verliebt - in die Sprache und deren Möglichkeiten. Deshalb spielt sie mit ihr und nimmt sie gleichzeitig ganz ernst, deshalb auch läßt sie sich keine Ungenauigkeiten durchgehen.

Die Welt, wie sie sie wahrnimmt, ist eine reine Sprachwelt. Aber von dort gehen Fühler aus, die sich in unsere Wirklichkeit vortasten. Nie geht es Draesner darum, etwas, was ihr am Herzen liegt oder unter den Nägeln brennt, zu benennen. Sie möchte nicht Klarheit schaffen, Literatur nicht als Mittel zur Fixierung von Wahrheiten nützen. Ihre Gedichte sind Expeditionen, die sich auf den Weg machen und die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, in Frage stellen. Ihre Sprachwelt entwickelt ihre ganz eigene Dynamik, und in kleinen, grellen Blitzlichtern scheint unverhofft eine Wirklichkeit auf, in der wir uns umtreiben. Aber Vorsicht, jedes Wiedererkennen ist trügerisch, rasch zieht die Autorin einen Vorhang vor, auf dass die bekannte Wirklichkeit wieder ausgesperrt bleibt.

Ihre Sprache bedeutet ihre ganze Welt, wie sollte es auch anders sein, wenn alles, Erinnerungen und Beobachtungen, stets zu Sprache gerinnen. Also nimmt sie die Sprache beim Schopf und zwingt sie, noch ganz andere Wahrheiten, erfundene und erlogene, imaginäre und verborgene, preiszugeben. Solche Gedichte leben vom Rhythmus und der Bewegung, sie sind zaudernde, zaghafte Gebilde, die sich weigern, Stellung zu beziehen. Preschen sie einmal vor und verkünden etwas, nehmen sie dieses im nächsten Atemzug zurück.

Draesners Lyrik kennt kein Innehalten, sie bleibt nicht bei der Sache. Sie tastet sich voran, ohne dass zu ahnen ist, wo das ganze enden wird. Sie mißtraut der Bedeutungsschwere, deshalb löst sie jeden Sinn in Mehrdeutigkeiten auf. Eine Welt im Taumel. Nein, mit diesen Gedichten wird man nicht fertig, zu vieles rühren sie auf, zu vieles ziehen sie in ihr Magnetfeld. Ein Debüt, das die Erwartungen in alles Weitere ganz hoch steckt.

Salzburger Nachrichten, 1. Juli 1995

Mehrstimmiger Holunder

Ulrike Draesners lyrisches Début "gedächtnisschleifen"
von Elsbeth Pulver

Eine besondere, verwandte Gestimmtheit als Voraussetzung zum Verständnis lyrischer Texte, das gab es früher. Heute ist eher die Kenntnis eines Passwortes nötig, eines Geheimcodes, der doch nirgends zu finden ist als im Gedicht selber. Doch braucht man zu diesem Code noch nicht vorgedrungen zu sein, um von den lyrischen "Gedächtnisschleifen", die Ulrike Draesner vorlegt (der Band ist die erste Publikation der in München wohnenden Autorin), um von diesen Gedichten zunehmend fasziniert, auch irritiert - und, noch ehe man dies richtig begründen kann, überzeugt zu sein. Da ist eine ungewöhnliche sprachliche Energie am Werk, gleich stark im Semantischen wie im Rhythmischen; Wörter werden aufgelöst und neu verbunden, vertraute Bedeutungen geraten ins Rutschen; und unüberhörbar ist das, was man heute wie früher einen eigenen, einen unverwechselbaren Ton nennen darf.

Fremde Gefilde

Desto größer das Erstaunen, wenn man sich in einzelnen, gar nicht seltenen Gedichten plötzlich in den Gefilden Friederike Mayröckers wähnt oder an Durs Grünbein, an Thomas Kling erinnert fühlt. Nachahmung? Unbewußtes Nachklingen von Wendungen? Das scheint ausgeschlossen bei so viel sprachlichem Eigenwillen. Eine Bemerkung am Schluß des Bändchens verschafft Klarheit; da werden die Autorinnen und Autoren (neben den oben erwähnten u.a. auch Bachmann und Hölderlin) namentlich erwähnt, deren Gedichte bewußt in die Gedächtnisschleifen einbezogen wurden. Und damit wird nicht nur (wie bei Friederike Mayröcker häufig) eine Dankesschuld abgestattet, sondern in erster Linie der Kreis prominenter Lyriker festgeschrieben, in dem sich die Autorin bewusst bewegt, an dem sie ihre sprachliche Energie entzündet und übt: ein innerster Zirkel der heute als innovativ geltenden Lyrik.

Da deuten sich Richtungen und Ambitionen der jungen Lyrikerin an; Ambitionenen: vor allem als Anspruch an das eigene Sprachvermögen. Lyrik ist hier Spracharbeit, bewusst vorangetrieben und zugleich, durch den genannten Zirkel, auch begrenzt. Dass die Gedichte der Ulrike Draesner gelegentlich etwas Forciertes an sich haben, ins Hermetische geraten, vielleicht hängt es mit dieser Konzentration auf einen lyrischen Insider-Kreis zusammen; es könnte sein, dass sie dadurch ihre beeindruckende Begabung auch einengt - eine Begabung, die sich doch immer wieder strahlend durchsetzt.

"Gedächtnisschleifen" - das Wort, in den Gedichten aufs schönste eingelöst, scheint sich von selbst zu verstehen. In lockeren Schlaufen, kreisenden Bewegungen werden Materialien der Erinnerung zusammengetragen; sie stammen oft von weither, aus der Nachkriegszeit, aus der Kindheit. Aber man darf das Wort nicht auf diese nächstliegende Bedeutung einengen. Da klingt auch das dumpfe Geräusch an, das sich einstellt, wenn man etwas, hier eben Erinnerungsstoff, hinter sich her schleppt und auf holprigem Boden nach"schleift". Oder wird (um eine weitere Bedeutungsvariante ins Spiel zu bringen) im Schreiben das Gedächtnis "geschliffen" oder geschärft wie in der Werkstatt des Scherenschleifers die stumpf gewordenen Alltagswerkzeuge?

Stimme von Jahrzehnten

Die Wörter sind überhaupt vieldeutig, sie werden aufgebrochen und angekratzt, bis sie auf irritierende, verführerische Art zu schillern anfangen, aber ohne dass die Worthülle der üblichen und selbstverständlichen Bedeutung ganz zerstört würde. Das Gedicht "Nachkriegsmensch", das dem Band wie ein Motto vorangestellt ist, gibt den thermatischen Unkreis an: das lyrische Ich versteht sich als Stimme und als Erfahrungsträgerin auch von Jahrzehnten, welche die Autorin nur vom Hörensagen kennt: es versteht sich auch als Gedächtnis der frühen Kindheit. Beides, die geschichtliche und die persönliche Erinnerung drängen schleifend/geschliffen auf das große Thema des Bandes hin: es heißt Abschied, es heißt Ende der Liebe, es heißt Tod. Der Dreiklang bestimmt und durchdringt die Verse und zeitigt die stärksten, die bewegendsten Texte.

"O Tod, wie trivial bist du" - der Satz, man weiß es, ist nicht von Ulrikd Draesner, sondern von Durs Grünbein. Ihr müßte er fremd sein. Denn der Tod schrumpft in ihren Gedichten nicht auf triviale Masse zusammen; eher ist es umgekehrt: die junge Autorin beherrscht die alte Kunst, dem Trivialen Bedeutung zu geben (ohne ihm diese Bedeutung künstlich überzustülpen). So werden, in einem der eigenartigsten Gedichte, ein Paar Vorhänge, die jemand beim Umzug über den Hof trägt, zur Chiffre für Abschied und Trennung.

Das ist für den ganzen Band bezeichnend: die Sprache kann sich zuspitzen ins Hochartifizielle, sie wird, verfremdet und aufgerauht, bis an die Grenze des Verstehbaren getrieben, sie glitzert aus dem Innern der Wörter heraus. Aber immer wieder kann das Hochartifizielle überraschend ins Einfache umschlagen; verfremdete Wortreihen werden in Bewegung gesetzt oder begleitet durch vertraute, einfache Bilder und Erfahrungen: ein Kirschenpaar an den Ohren kleiner Mädchen, der Holunderbaum ("mehrstimmiger Holunder, über / blau knallendem Tor"), ein Handschuh, der über die falsche Hand gestreift wird; der Däumling, die gefällte Lärche, die Spange, welche die Zähne reguliert. In der Spannung ziwschen extremer Verfremdung und einfach-eindrücklichem Bild ist zwar nicht gerade der Code dieser Gedichte verborgen, aber vielleicht ihr stärkster Reiz, ihre Lebendigkeit.

NZZ, 6. Juli 1995