Textauszug | KritikVerbwerbenSprache entwirft und wirft mich als Körper. Manche verwirft sie auch, so daß die Ausgeworfenen an der Wand aufklatschen, heruntergleiten und reglos liegen bleiben wie die Hamster, die du, sagt Paula, an die Wand geworfen hast, daran herunterglitten, -rutschten und -glitschten, erinnere dich, sagt die Stimme von Paula, die immer dabei ist, die Hamster. Zucken und Zwinkern hinter der Stirn. Während ich es immer genau beieinander habe, bin ich mit mir selbst nicht ganz zusammen oder bei Trost. Die Sprache als Verwerferin hat mich gegen die Wand geklatscht, die Familiensteher und -better haben die Sprache angeklatscht und im Klatschen der Sprache auf mich eingedroschen. Dabei hat die Sprache sich zugleich in mich geworfen und in mir diese Verwerfungen erzeugt, durch die ich seit heute und immer als Berge gehen muß, die ich hasse, als Körper aber nicht verlassen kann, also auch nicht als Ich. Das Anwerfen der Sprache wiederholt sich, wenn sich einer an einen anderen heranwirft oder -macht. Liegen zwei im Bett, um etwas zu vollbringen, dann liegt oder steckt auch Schönheit im Hals. Das treibt quer, in deinem Fall, sagt Paula, würde ich darauf achten. Solche Anmacher oder Aufbringer, die du wiederum aufregst mit deiner dir angesteckten und eingesenkten Schönheit, werden sich mit dir gern ins Bett verbringen, die Zeit wird dabeiliegen und Zufälle oder Einfälle eifrig treibend durch die Luft schlagen, um sich auf euch, die sie vorfindet, herabzusenken. Doch ich drehe die Nase nur in den Wind, der Warnung hinterher Diesmal empfängt der Messerwerfer mich lächelnd. Ich betrete die Arena. Es war Zufall, daß ich wieder auf ihn stieß, aber nicht zufällig, daß es geschah. Ich sehe, daß ich lieber eine Angeworfene als eine Angehörige bin. Mit den Beinen unter mir, die ich in die Hand genommen habe, stehe ich an der Wand. Wir üben. Gestochen wird am besten in Augen weiter oben oder unten, denn überm Nabel wölbt sich der Bauch wie eine Stirn. Als Anwerfer ist der Messerwerfer ein Anmacher. Er hält mir mit den Messern die Kleider am Körper fest. Damit bleibt mein Körper endlich aufrecht und ordentlich bekleidet stehen und es gelingt ihm, sich selbst zusammenzuhalten, auch in der Wohnung, die nicht die ist, aus der die Beine gestürmt sind. Der Messerwerfer und ich bilden jetzt ein Gespann. Wir bilden es aus, indem wir es uns einbilden. Wir kreuzen uns und stellen Bilder in Kanten gegeneinander auf. Wenn wir uns die Hände geben, vermeiden wir Brüche und senken die Bilder in Augen hinein wie sie nicht schauen. Etwas Inneres fällt aus dem Bild, das sich auf den anderen als Abzug legt, schon vor dem Herauschleudern heraus. Mit dem Schleudern geht etwas aus dem eigenen Inneren mit, als wäre man ein nasser Wäschesack. Wie man sich bettet, so liegt man. Die Decke ist der Zustand, unter dem ich als Gegenstand wohne. Energiesparsam, glühintensiv, aber unentdeckt, gebettet ins eigene Herkommen, aus dem es kein Auskommen gibt und man keines hat. Daher stecke ich nicht ganz in meiner Haut. Doch auch in der des Messerwerfers möchte ich nicht stecken, höchstens, wenn er seine wieder in meine steckt, so daß ich selbst ganz in der meinen stecke, obwohl ich aus ihr fahre. Was auf keine Kuhhaut geht, aber schnell und oft vollzogen wird. Dabei ist die Haut erst einmal ein Schlamassel, dann ein Schlamm. Während des Abziehens der eigenen Haut über die des anderen oder der des anderen über die eigene, kann die Haut hecheln oder husten. Ein Hauthusten ist lautes Bellen im Ofen, ein Hecheln der Haut bedeutet: das Messer wippt länger als eine Minute in der Wange nach. Damit gewinnen wir in der Sparte Großillusion bei den jährlichen Zaubermeisterschaften. Sparsam gekleidete Trägerinnen von Weiblichkeit steigen in eine Kiste, um sich zersägen zu lassen. Jungfrauen schweben im Reifen. Auf den Messerwerfer ist auch in dieser Hinsicht Verlaß, solange man ihn nur machen läßt, und ich schwebe gut, solange er mich zucken sieht. Weil wir uns aufeinander eingelassen haben, um der ständigen Verlassenheit zu entgehen, vergeht jedoch die Ausgelassenheit der Nummer sofort, wenn der eine den anderen entläßt, ohne von ihm entlassen zu sein. Der Zirkusdirektor, den wir Ingo-Ego nennen, steht nur daneben und lacht. Jeder Einfall ist auch ein Ausfall. Wo er herkommt, reißt er eine Lücke, wo er hinfällt, drückt er etwas anderes heraus. Falle ich mir selbst wieder ein, während man mich auf dem Brett nach unten dreht, muß ich mich fragen, wo ich war, als ich nicht an mich dachte. Also wo ich herkomme. Besonders das Kommen geht mit dem Messerwerfer schnell, denn wenn er sich in mich eindrückt, fällt aus mir heraus, was ich als Ausscheidung oder Ausschank weitergebe. Dabei geht ständig etwas an allem vorbei. Das aus mir Herausfallende pinnen selbst die Messer des Messerwerfers nicht an die Wand des Bettuchs, und auch ich selbst erwische es nicht mehr. Denn er macht etwas aus sich, indem er sich über mich hermacht. Dazu zieht er mich an sich heran und sich aus, um umso anziehender zu sein. Ausgezogen, aus mir, liege ich dann da, und das Gehen, als Gehenlassen und Kommen, das geschehen ist, ist wieder ein Davon- oder Verlorengehen geworden. Weil Begehren die Abwesenheit des Gewollten braucht, damit Wollen als zu Wollendes im Kopf spinnt, folgt auch dieser Regung Bewegung, und wer gespeist ist, hat schon genug. Als Wolle am Kamm sitze ich still und allein auf dem Bett. Mein Ich spaziert auf einem Strich herum, der ein Grat ist. Buffets und andere Tiere liegen leichenhaft in der Wohnung. Ich bin der Dreck im Schachterl, die Fliege in der Box. Eine Gebärmutter zieht sich nach drei Tagen wieder auf ihre normale Größe zusammen. Verwickelte Einwirkungen und Auswirkungen nehmen aus dem Anfang einen Fortgang, was auch Nachfolgen hat oder erzeugt. Es klingelt. Das Gehaderte läßt sich nicht aufriffeln oder später wegraffen, und verwickelte Reden, die nichts bewirken, rutschen mit den Stimmen von Paula und der ganzen Bande an mir entlang. Begriffe ohne die Knäuel der Anschauung sind leer. Textauszug | KritikHorror vacuiUlrike Draesners lyrische Prosa Wie eine Sintflut nach staubiger Dürre schwappen Ulrike Draesners Texte in die deutschen Sprachebenen. Nach dem Lyrikband "gedächtnisschleifen" (1995) und dem Roman "Lichtpause" (1998) sind es nun zehn Prosa-Etüden, die diesem erstaunlichen poetischen Temperament Schleusen und Dämme öffnen. Streng formale natürlich, das versteht sich fast von selbst. Ulrike Draesner erzählt nicht, beschreibt nicht, berichtet nicht. Ihre Prosa ist Lyrik im Blocksatz. Ihre Sprache ist Ur-Element, dessen Kraft aus Konzentration, aus der Verdichtung des Realitätskerns kommt. Wirklichkeit ist nicht die res extensa der alten Philosophen, nicht die ausgedehnte Leere der zeitgenössischen Romanliteratur, sondern das postmodernistisch Eingekochte. Je kompakter, um so explosiver. Die neuen Texte, "Reisen unter den Augenlidern" überschrieben, sind Psychodramen, neurolinguistische Innenansichten mit Thriller-Qualitäten. Die Ultraschallvision einer Frühschwangerschaft aus Zellkernperspektive beispielsweise. Oder ein Beziehungsmyzel aus (mindestens) zwei Frauen, einem Mann, einem abgetriebenen Kind und irgend etwas unausdenkbar Furchtbarem, das sich zwischen Bad und Wohnzimmer einer Mietwohnung abspielt und entfernt an Hitchcocks Duschvorhangszene erinnert. Oder die gelungene Studie einer Magersüchtigen, die an ihrem eigenen Verschwinden arbeitet, oder die redundante Klage der fetten Frau, die durch Verdoppelung ihres Ich ihr Lebendgewicht zu reduzieren hofft. Identität als ontologischer Holzweg: Jeder Versuch, das Ich am Körper festzumachen, ist aberwitzig sobald Identität phänomenologisch als Zweigestalt auftritt, Zwilling genannt (L x L). Die Rezensentin muss an dieser Stelle gestehen, dass sie stolz war, einige dieser Geschichten entziffert zu haben. Andere blieben ihr enigmatisch. "Unter der Rattenwelt liegt die Mauswelt" ist so ein hermetischer Text, in dem der Realitätskern verdampft ist. Die Draesner-Welt als Druckkessel - geschlossener Kreislauf von Sprache und Körper. Der Körper wird Ding, reine Substanz. Versprachlichung der Identität als Dauerschmerz, Verschwinden des Subjekts in der Sprache: die Verbalanästhesie gelingt (zum Glück) nicht volkommen. Ein Rest Realität bleibt immer, der weh tut. Die Angst vor der Stille, horror vacui, vor dem unbezeichneten Nichts, dem banalen deutungslosen Zeichen, schäumt diese Sprache hoch auf. Sie ist wie Pfeifen im Dunkel. Aber man hört ihr begeistert zu. NZZ, 28. September 1999 Fluchtwege aus dem Maul der EchseWortwirbel und Formkraft: Ulrike Draesner Konsequent aus der Innenschau erzählt sind auch die neuen Prosatexte.
Deren Montagetechnik verbindet Handlungslemente, wörtliche Rede, Traumbilder
und die surrealistisch anmutende Präsenz zeittypischer Dinge und ihre
Aura nahtlos und leicht miteinander. Von den mäandernden Assoziationen
Friederike Mayröckers unterscheiden sie sich durch das rationale Kalkül,
mit dem ein jeweils anderes Erzählprinzip durchgehalten wird. Erst im
Zusammenspiel von Redefetzen einer Frau, eines Mannes und der sentenzhaft
kommentierenden Erzählerin entsteht in An das Bild eines Paares, das
die Aggressionen gegeneinander in das Drehen von Pornovideos mit Dritten verlagert.
Was am Anfang nur vage zu ahnen ist, entwickelt sich über Satzmontagen
zu einer klaren zwischenmenschlichen Situation. Aus verschwommenen Bildern
und Stimmengewirr wird allmählich ein klar konturierter Tonfilm. In Nachkrieg,
Taufe begint ein weibliches Ich zu reden, doch finden bald irreale Identitätsverschiebungen
statt. In L mal L begint die Erzählerin ganz harmlos von Kindheitsferien
in Tante Annas Bauerngarten zu erzählen, doch bald nimmt der Leser erschrocken
wahr, daß Lara und Laura siamesische Zwillinge sein müssen. Ausgesprochen
wird es nie. Aus der Idylle wird eine schauerliche Groteske. Grotesk ist auch
der Monolog der Insassin eines Pflegeheimes, das sowohl psychiatrische Anstalt
als auch Altenheim ist, in Save the Limit of your Sight. Über 18 Seiten
wird proustisch ein einziger Satz gehalten. Der beschreibt sowohl den Kampf
um Selbstbehauptung in der Anstalt als auch den irren Zustand der Außenwelt.
Asynchron, überdeutlich und aus großer Distanz heraus sagt die
Närrin nach bewährtem Muster die Wahrheit. Streng chronologisch,
aus Erzählerinnensicht und überaus eindringlich erzählt Magern die Geschichte einer Magersüchtigen. Sie ist die Parallel- und Gegenfigur
zur freßsüchigen Hilde aus Lichtpause. "'Kalorien',
das Riesenwort, schluckt schwache Wörter wie 'Leben' weg. Verändert
Wörter wie 'Freiheit', 'Genuß'." Hier
zieht Ulrike Draesner alle Register ihrer körperbezogenen Sprachkunst,
zeichnet das Psychogramm einer Frau im Krieg mit der Außenwelt, mit
den anderen. Wie der Prozeß der Identitätsbehauptung in die Krankheit
umschlägt - das ist meisterhaft erzählt. ndl 5/1999 |