Textauszug | Kritikendschwammessenwenn es mir schlecht geht, denke ich an den stinkende luftgestalten dringen in mich
meine hände gehen neben meinen Textauszug | Kritikhaariges bein so sehr behaartUlrike Draesners reicher Gedichtband "für die nacht geheuerte zellen" Stimmen umgeben uns allerorten, Tag und Nacht. Es tönt aus den ubiquitären Lautsprechern von Radios, Fernsehern, Walkmen; selbst am Telefon zersingt oder zerquäkt unfehlbar jemand die Stille der Weiterverbindung. Stimmkultur scheint ein Fremdwort geworden zu sein. Aber es gibt ganz anachronistische Gelegenheiten, bei denen man zuweilen Stimme und Stille als glückliches Paar erlebt - die Dichterlesung. Sieht man ab von den weihevollen Kündern mit pathetischen Pausen oder den Alleinunterhaltern Typ Skilehrer, die ihren Schrott mit Schwung unters Volk schleudern, trifft man nicht ganz selten kluge Lesende, die unprätentiös ihren Wortwagnissen klangliche Tiefe verleihen. Wer einmal bei einer Lesung Ulrike Draesners war, wird auch im neuen Gedichtband "für die nacht geheuerte zellen" ihre eindringliche, rhythmisch reiche Vortragsweise nachhallen hören, die sich nie in den Vordergrund drängt und unschätzbare Aufschlusshilfe bietet. Dabei ist "Aufschluss" wörtlich zu verstehen, denn obwohl diese Lyrik keineswegs hermetisch zu nennen ist, erleichtern das laute Lesen und manches Wissen den Zugang erheblich. Deshalb fügt Draesner am Ende einige "Anmerkungen" zu den Gedichten an, die Realien und Zusammenhänge erläutern, nicht aber als Interpretationsvorgaben verstanden sein wollen. Wie jeder geglückten Poesie kann man sich Draeners Gedichten zuerst über Rhythmus und Klang nähern: morphiumbienen Auch ohne Titel ("op") und Untertitel ("narkose") versetzen die Nasale der narkotischen Insekten, die schwebenden Betonungen und Alliterationen dieses Gedichts in betäubendes Verdämmern, nehmen sie Willen und Widerstand, bereiten sie vor auf die folgenden schmerzlichen Zeilen; "op" gehört zu zehn Gedichten über eine Fehlgeburt, die unter der Überschrift "bläuliche sphinx" und dem Rubrum "metall" versammelt sind. Draesner teilt die sechs Kontinente ihrer Gedichtwelt, wie sie erläutert, den fünf "traditionellen Elementen der Akupunktur", Holz, Feuer, Erde, Wasser, Metall, sowie der nichtzugehörigen, "fremden" Luft zu. Wer deshalb esoterische Dunkelheit erwartet, findet sich bald enttäuscht. Ihre Verse haben nichts gemein mit dem Ungefähren oder Undeutlichen. Vielmehr gewinnen sie ihre Wirkung aus der Genauigkeit, ein Phänomen, das Adorno 1954 in einem Fan-Brief an Thomas Mann anlässlich dessen Erzählung "Die Betrogene" beschreibt: "Denn irre ich mich nicht, so stößt man auf den paradoxen Sachverhalt, daß die Beschwörung solcher Bilder, also das eigentlich Magische des Kunstobjektes, um so vollkommener gerät, je authentischer die Realien sind.[...] Im Augenblick kommt es mir vor, als wäre durch jene Art Genauigkeit etwas von der Sünde abzubüßen, an der jegliche künstlerische Fiktion laboriert; als wäre diese durchs Mittel der exakten Phantasie von sich selbst zu heilen." Mit dem paradoxen Wort von der "exakten Phantasie" trifft man den Gedichtkosmos von Draesner sehr genau. In 67 Gedichten durchschreitet und durchleuchtet sie einen, unseren Weltkreis: von den Genen und den Organellen der Zelle über den Alltag der Körper von Mensch und Tier bis zu den Großstadtlandschaften und den weiten Räumen der Literatur und Geschichte. Zusammenhanglos, rein additiv könnte das wirken, doch verbinden wiederholte und variierte Wörter die Gedichte: "sirren", "summen", "draht", "birken", "frühling" ("spring"), "kern", "fasern", "haarig", "zelle", "sand". Große Wirkung gewinnt diese Lyrik aus ihrer überall spürbaren,
unmittelbaren Macht der Evokation: "bin mein eigener zoo" oder:
"die wiesen wären rot, die zungen grün". Oder: glasbaustein, etwas ansehen Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem
Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit "exakter
Phantasie". Die epilierten Haare verwandeln sich zwanglos zu Hieroglyphen
der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf
dem Feld zu verstehen versucht: "Wer das lesen könnte." Unverkennbar gewährt Draesner gerne ihrer Sprachspielfreude Auslauf, zerschneidet Wörter, zerdehnt und redupliziert sie, traut sie mit klangverwandten Sinnfremden, überspringt die Sprachgrenzen von "tuba", "tube" und "tubus", legt einen "ü"-Teppich aus in "frühsprachen", streut Reime dazwischen und durchstreift unermüdlich die Welt der Wörter auf der Suche nach dem trefflichen. Ungewöhnliche Begriffe aus Sondersprachen wie der Physik, Geologie, Genetik, Botanik und derjenigen von Computerspielen, verwendet sie nie in platter Anbiederung ans Aktuelle oder in stolzem Expertentum, sondern eher wie ein Maler seltene, besondere Farben für seine Gemälde oder Fundstücke aus seiner Umwelt für Collagen. Angekündigt wurde Ulrike Draesners Lyrikband mit 168 Seiten für 20 DM, jetzt sind es 144 Seiten für 19,50 DM - in diesem Fall bedauert man jede Seite weniger und hätte gerne mehr als 50 Pfennig für jede weitere geboten! Es ist wie bei Gottfried Benn, der in fünfzehn Jahren "neunhundertfünfundziebzig Mark" mit seiner Kunst verdiente: Diese Lyrik macht nicht den Autor, sie macht den Leser reich. |