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für die nacht geheuerte zellen für die nacht geheuerte zellen

für die nacht geheuerte zellen

Gedichte
Luchterhand Verlag 2001/2005, 10 €
www.lyrikline.org

Textauszug | Kritik

endschwammessen

wenn es mir schlecht geht, denke ich an den
schlamm
wenn ich im sand geh, grab ich mich nach unten
ein
aus dem schlamm wühlen sich gestalten
auf
nach jahren auf der kirchturmspitze sehe ich mich
selbst
eine knochige figur, weiß, doch das wäre zuviel
gesagt
mein kopf, groß wie der eines hühnchens im ultra
schall
um den dotter gewickelt, ich fresse ihn
auf
ich färbe mich.
 

stinkende luftgestalten dringen in mich
ein
die eigenschaften des schlamms ergreifen von mir
besitz
verwaiste gesichter steigen aus meiner
haut
es gibt heiße stellen, geysire. ich lade mich
selbst
in diese form. ein erdiges tier, mit schuppen
bedeckt,
kaut an einem blatt. es ist warm, der schlamm
ist aus fleisch.

 

meine hände gehen neben meinen
füßen
mein bein wird magnetisch wie eine
nadel.
die krümmung des verwüsteten
bewegt sich
beugt sich
steht auf

Textauszug | Kritik

haariges bein so sehr behaart

Ulrike Draesners reicher Gedichtband "für die nacht geheuerte zellen"
von Rolf-Bernhard Essig

Stimmen umgeben uns allerorten, Tag und Nacht. Es tönt aus den ubiquitären Lautsprechern von Radios, Fernsehern, Walkmen; selbst am Telefon zersingt oder zerquäkt unfehlbar jemand die Stille der Weiterverbindung. Stimmkultur scheint ein Fremdwort geworden zu sein.

Aber es gibt ganz anachronistische Gelegenheiten, bei denen man zuweilen Stimme und Stille als glückliches Paar erlebt - die Dichterlesung. Sieht man ab von den weihevollen Kündern mit pathetischen Pausen oder den Alleinunterhaltern Typ Skilehrer, die ihren Schrott mit Schwung unters Volk schleudern, trifft man nicht ganz selten kluge Lesende, die unprätentiös ihren Wortwagnissen klangliche Tiefe verleihen.

Wer einmal bei einer Lesung Ulrike Draesners war, wird auch im neuen Gedichtband "für die nacht geheuerte zellen" ihre eindringliche, rhythmisch reiche Vortragsweise nachhallen hören, die sich nie in den Vordergrund drängt und unschätzbare Aufschlusshilfe bietet. Dabei ist "Aufschluss" wörtlich zu verstehen, denn obwohl diese Lyrik keineswegs hermetisch zu nennen ist, erleichtern das laute Lesen und manches Wissen den Zugang erheblich. Deshalb fügt Draesner am Ende einige "Anmerkungen" zu den Gedichten an, die Realien und Zusammenhänge erläutern, nicht aber als Interpretationsvorgaben verstanden sein wollen.

Wie jeder geglückten Poesie kann man sich Draeners Gedichten zuerst über Rhythmus und Klang nähern:

morphiumbienen
ihre gelbschwarzen streifen
ein glibbriger klacks
in die arterie gespritzt -
schon hebt sich ein haariges bein
senkt sucht (so sehr behaart)

Auch ohne Titel ("op") und Untertitel ("narkose") versetzen die Nasale der narkotischen Insekten, die schwebenden Betonungen und Alliterationen dieses Gedichts in betäubendes Verdämmern, nehmen sie Willen und Widerstand, bereiten sie vor auf die folgenden schmerzlichen Zeilen; "op" gehört zu zehn Gedichten über eine Fehlgeburt, die unter der Überschrift "bläuliche sphinx" und dem Rubrum "metall" versammelt sind.

Draesner teilt die sechs Kontinente ihrer Gedichtwelt, wie sie erläutert, den fünf "traditionellen Elementen der Akupunktur", Holz, Feuer, Erde, Wasser, Metall, sowie der nichtzugehörigen, "fremden" Luft zu. Wer deshalb esoterische Dunkelheit erwartet, findet sich bald enttäuscht. Ihre Verse haben nichts gemein mit dem Ungefähren oder Undeutlichen. Vielmehr gewinnen sie ihre Wirkung aus der Genauigkeit, ein Phänomen, das Adorno 1954 in einem Fan-Brief an Thomas Mann anlässlich dessen Erzählung "Die Betrogene" beschreibt: "Denn irre ich mich nicht, so stößt man auf den paradoxen Sachverhalt, daß die Beschwörung solcher Bilder, also das eigentlich Magische des Kunstobjektes, um so vollkommener gerät, je authentischer die Realien sind.[...] Im Augenblick kommt es mir vor, als wäre durch jene Art Genauigkeit etwas von der Sünde abzubüßen, an der jegliche künstlerische Fiktion laboriert; als wäre diese durchs Mittel der exakten Phantasie von sich selbst zu heilen." Mit dem paradoxen Wort von der "exakten Phantasie" trifft man den Gedichtkosmos von Draesner sehr genau. In 67 Gedichten durchschreitet und durchleuchtet sie einen, unseren Weltkreis: von den Genen und den Organellen der Zelle über den Alltag der Körper von Mensch und Tier bis zu den Großstadtlandschaften und den weiten Räumen der Literatur und Geschichte.

Zusammenhanglos, rein additiv könnte das wirken, doch verbinden wiederholte und variierte Wörter die Gedichte: "sirren", "summen", "draht", "birken", "frühling" ("spring"), "kern", "fasern", "haarig", "zelle", "sand".

Große Wirkung gewinnt diese Lyrik aus ihrer überall spürbaren, unmittelbaren Macht der Evokation: "bin mein eigener zoo" oder: "die wiesen wären rot, die zungen grün". Oder:
glasbau, die schenkel

glasbaustein, etwas ansehen
gehen, im bad, rubbeln, abziehen
etwas lebendiges ansehen gehen
in anderen sprachen, im bad:
wachs an den beinen, bienenbänder,
wie wesen? ein ratsch -
brennendes bein. die einzelnen
haare, krumme fühler
am band (was für musik
wäre das mit den
kleinen wurzeln und k
noten in alle richtungen
gedreht?)

Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit "exakter Phantasie". Die epilierten Haare verwandeln sich zwanglos zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: "Wer das lesen könnte."
Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein "fußballgedicht", Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit.

Unverkennbar gewährt Draesner gerne ihrer Sprachspielfreude Auslauf, zerschneidet Wörter, zerdehnt und redupliziert sie, traut sie mit klangverwandten Sinnfremden, überspringt die Sprachgrenzen von "tuba", "tube" und "tubus", legt einen "ü"-Teppich aus in "frühsprachen", streut Reime dazwischen und durchstreift unermüdlich die Welt der Wörter auf der Suche nach dem trefflichen. Ungewöhnliche Begriffe aus Sondersprachen wie der Physik, Geologie, Genetik, Botanik und derjenigen von Computerspielen, verwendet sie nie in platter Anbiederung ans Aktuelle oder in stolzem Expertentum, sondern eher wie ein Maler seltene, besondere Farben für seine Gemälde oder Fundstücke aus seiner Umwelt für Collagen.

Angekündigt wurde Ulrike Draesners Lyrikband mit 168 Seiten für 20 DM, jetzt sind es 144 Seiten für 19,50 DM - in diesem Fall bedauert man jede Seite weniger und hätte gerne mehr als 50 Pfennig für jede weitere geboten! Es ist wie bei Gottfried Benn, der in fünfzehn Jahren "neunhundertfünfundziebzig Mark" mit seiner Kunst verdiente: Diese Lyrik macht nicht den Autor, sie macht den Leser reich.