Textauszug | KritikAls sie die hall betraten, bemerkten sie es sofort. Kaugummiweicher Broccoli. Aloe konzentrierte sich aufs Schneiden ihres etwas zähen Keulenstückes. Ein lauter, herrischer Ruf fuhr vom High Table in das allgemeine Gemurmel und Geklappere mit Besteck. Augenblicklich war es still. Sie schaute gerade noch rechtzeitig auf, um einen der Dons in seinem langen, mit einer Goldborte eingefaßten Gown dastehen zu sehen. Er hatte den Arm gehoben, den Zeigefinger gestreckt - sie sah, sekundenschnell, wie in der anderen Tischreihe fast auf der Höhe ihres Platzes eine Mintsaucenschale durch die Luft flog, sich drehte, laut scheppernd aufkam und das sämige Grün langsam über den Tisch floß, auf eine weiße Hose tropfte, grün, grün. Ein paar Kartoffeln lagen schon dort, waren offensichtlich schon vorher geflogen. Erneut der Ruf des Don, mit tiefer Stimme, lateinisch. Aloe verstand kein Wort, aber alle anderen schienen zu wissen, was es hieß. Ein Höllenlärm brach los. Jeder, jeder nahm sein Besteck, trommelte mit den Griffen auf den Holztisch, stampfte mit den Füßen auf den Steinboden, ein großer Takt, ein Brausen, rhythmisch und schnell. Karen Susan stand auf. Auf sie zeigte noch immer der ausgestreckte Finger des Don. Karen Susan war eine große Frau, eine, die ruderte und Frauen liebte. Karen Susan stand im T-Shirt da, ihre kurzen blonden Haare leuchteten wie früher manchmal Anitas, sie sprang auf den Tisch. Aloe konnte es kaum fassen. Die spinnt! Aber nichts. Kein wilder Aufschrei, keinerlei Empörung. Im Gegenteil. Der Sprung hatte dieselbe Wirkung wie der Ruf des Dons ein paar Minuten zuvor: es wurde augenblicklich still. Und stiller als zuvor. Der Don ließ den Arm sinken und wartete. Alle warteten. Aloe hatte nicht die geringste Ahnung auf was. Einige schauten Richtung Küche. Man hätte eine Maus über den hallenboden laufen hören können. Aber selbst die Mäuse saßen in ihren Löchern und warteten. Karen Susan, im weißen T-Shirt über den muskulösen Armen, über der festen Brust, stand in Jeans, mit Turnschuhen, auf dem Tisch. Sconsing, flüsterte Lukas Aloe ins Ohr, s-c-o-n-s-i-n-g. Es knarrte. Die eine Hälfte der Schwingtür zur Küche wurde nach innen gezogen. Heraus spazierte der jüngste der Scouts. In weißer bodenlanger Küchenschürze. Auf einem silbernen Tablett trug er einen der großen Pötte, wie sie überall auf den Tischen standen. Er hielt das Tablett mit beiden Händen, er ging langsam, vorsichtig balancierend, denn der Pott war randvoll. Wie in England immer jedes Glas randvoll gemacht wird. Bitter, flüsterte Lukas Aloe zu, und als sie ihn verständnislos ansah: das Bier, bitter, 5 Pints, da drin! Der Scout blieb vor Karen Susan stehen. Als kredenze er einer Prinzessin den Pisspott. Und wieder rief der Don, diesmal auf englisch: Fine for throwing food in formal hall: a hundred pounds. Imposed on Karen Susan Vetch. Unless she takes the pot. Karen Susan schrie, noch bevor er ausgesprochen hatte: and she takes it! In derselben Sekunde setzte der Höllenlärm wieder ein. Begeisterter als zuvor, gieriger, anstachelnder. Als übten die Studenten alle jeden Tag eine Stunde schreien, schrien sie: she takes it! Wenn Karen Susan es schaffte, den Pott in einem Zug zu leeren, mußte sie die 100 Pfund Strafe nicht zahlen, die der Don eben verhängt hatte. Sie streckte dem Scout beide Hände entgegen. Sie schaute rundum, drehte sich einmal auf dem Tisch, drehte sich zum High Table, der Don stand, sie stand ihm gegenüber, der silberne Pott, das kreischende Besteck, die nervösen Füße, die parteiischen Füße, Studenten gegen Dons, Männer gegen Frauen, Freunde Karen Susans gegen Feinde Karen Susans. Jeder war in diesem Moment etwas von jedem, die Füße trampelten von selbst, das Licht schoß auf den Tischen hin und her, fing sich in den Pötten, den Augen, blitzte Zickzack. In der Schwingtür zur Küche standen alle Köche, alle Butler, das College hielt den Atem an, und Karen Susan hob den Kelch, der doppelt so breit war wie ihr Gesicht. Sie trank. Und stand, wankte nicht, stand trinkend da, Karen und Susan, mit dem engen T-Shirt über den festen Brüsten, die sich hoben senkten, dem Bauch, der pumpte, den Lungen, die preßten, dem Mund, der saugte, einem Gesicht, das ganz im Pott verschwand. Sie trank ohne abzusetzen, das Bier lief ihr zu den Mundwinkeln heraus, Ka- ren Ka-r en go for it, go go!, sie schwankte, ließ den Pott fast sinken, nein, nahm ihn wieder, ließ nicht ab. Aloe und Lukas klopften wie wild auf den Tisch, waren Teil der Menge, sahen sich an, Lukas Augen leuchteten, sie klopften, Aloe schrie, denn Karen ging in die Knie, das Ding, der Pott, sie hob ihn hoch, drehte ihn um - er war leer! Der Don schaute und setzte sich. Alles wurde ruhig. Karen kniete noch immer, auf dem Tisch. Sie rülpste. Ihr Bauch zuckte. Sie atmete. Rülpste, aber behielt es drin. Karen hatte es geschafft. Sie taumelte, da waren Schultern, die sich ihr unterschoben, sie vom Tisch hoben, auf Schultern tanzte sie durch die hall. Karen Susan, die erste Frau in ganz Oxford, die dieses Sconsing durchhielt, so hieß es gleich, those who can, do!, rief jemand und klatschte der rotgesichtigen schwitzenden Karen Susan auf den einen über eine Schulter geklammerten Schenkel, den er erwischte. Karen Susan schwankte und winkte, niemand dachte an Essen, jeder tobte, trampelte, nur die Dons taten, als sähen und hörten sie nichts. Lukas schaute Aloe an: es war gut gewesen. Die Spannung sackte allmählich ab, doch ihre elektrischen Minivibratoren steckten noch in jedem von ihnen, warm und angenehm summten sie nach, Lukas und Aloe nahmen sich an der Hand und gingen sofort in Lukas Zimmer, those who do, can. Aloe roch nach Gras, und Lukas roch wie immer, doch er lächelte diesmal nicht, denn es wurde so heftig und schnell, dass er es vergaß. Textauszug | KritikDas ganz Andere im IchUlrike Draesners intelligenter Roman "Mitgift" Das Monstrum, schrieb Hans Mayer in seiner großen Untersuchung "Außenseiter", ist der "Ernstfall der Humanität". Eine Gesellschaft, die das Andere und Abweichende in ihrer Mitte nicht als solches ertragen könne, sondern es normiere und normalisieren müsse - und,w enn das nicht gelinge, es zum Monströsen erkläre, ausstoße oder gar ausmerze: das sei keine wahrhaft humane Gesellschaft, und deshalb sei die bürgerliche Aufklärung, die eine slche Gesellschaft nicht herbeizuführen in der Lage war, gescheitert. Den zweiten Roman der Lyrikerin Ulrike Draesner kann man wie eine Illustration dieser These lesen. In ihm wird ein durch seine Andersartigkeit beängstigender Mensch genau so behandelt, wie Mayer es analysiert hat. Anita, die zweite Tochter der Flüchtlingsfamilie Böhm, kommt mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt. Sie ist ein Zwitter. Ihre Eltern lassen sie einer Vielzahl von Operationen und Hormonbehandlungen unterziehen; Endprodukt der medizinischen Tortur ist eine wunderschöne junge Frau, die für Werbefotos posiert, ein glänzendes Jurastudium hinlegt, einen reichen Mann heiratet und ein Kind zur Welt bringt. "Sie sollte ein normales Leben führen", rechtfertigt die Mutter später ihr Vorgehen, "und wir auch. Das haben wir hinbekommen." Herstellung von Eindeutigkeit Die Normalisierung scheitert aber nicht nur, weil Anitas weggeschnittener Phallus gleichsam als Phantomorgan überlebt hat, sondern auch, weil sie ihn schließlich wiederhaben will. Sie selbst kündigt das Arrangement mit dem aufoktroyierten, sexuell eindeutigen Körper auf, ebenso das mit der bürgerlichen Lebensform. Erneut will sie sich Hormonen und dem Operationsmesser aussetzen, diesmal aber aus eigenen Stücken und um das zu werden, was sie war: eine Frau und Mann. Ihr letzter Auftritt in diesem Roman zeigt sie bereits mit kräftigen Muskeln und tieferer Stimme; dann wird sie von ihrem Mann, der das Kommende nicht erträgt, erschossen. So, als epische Umsetzung der Ausgrenzung und Normalisierung der Verstümmelung und schließlichen Vernichtung des Anderen in der bürgerlichen Gesellschaft, kann man Ulrike Draesners Roman lesen. Aber diese Lesart wäre zu schlicht für diesen vielschichtig orchestrierten Roman. Vor allem schreibt Ulrike Draesner nicht aus Anitas Perspektive, sondern aus der ihrer älteren Schwester Aloe. Die ist, was ihre Eltern so ersehnen: normal, und fühlt sich gerade deshalb alles andere als das. Die ängstliche Aufmerksamkeit, die Anita erhält, die Geheimnistuerei um die Wunde zwischen ihren Beinen, die Verunsicherung über Aloes eigene Identität, später der Neid auf die strahlende Schönheit und das Selbstbewußtsein der anderen. Das führt zu einem Grad von Haßliebe, dem Aloe nur durch völlige Abwendung von Familie und Vergangenheit zu entgehen meint. Das ist natürlich ein verhängnisvoller Irrweg, und Ulrike Draesners Roman dröselt diesen Irrtum geduldig auf, um ihn schließlich zu korrigieren. In drei Zeitebenen erzählt sie die Wiederkehr der Verdrängten und die Vervollstädigung auch von Aloes Persönlichkeit. Diese Spiegelung des "Normalen" im "Abartigen" - bis zur Deckungsgleichheit und zum Tausch der "Plätze" - gibt dem Buch jenen doppelten Boden, dessen die Gestaltung eines doppelbödigen Themas auch ästhetisch bedarf. Aloe - das ist die erste Zeitebene - richtet für Stefan, den verwaisten
Sohn der Schwester, den sie quasi geerbt hat, ein Geburtstagsfest aus. Sie
erinnert sich - zweite Zeitebene - an ihr Liebsverhältnis zu dem Astronomen
Lukas, in dessen Verlauf sie - dritte Zeitebene - das verminte Gelände
der Kindheit allmählich zu betreten wagt. Die drei Ebenen greifen episch
ineinander, so wie die Vor- und Vorvorgeschichten in unser Leben hineinregieren,
als jene "Mitgift", die dem Buch den Titel gibt. Aloe erkennt ihr
Minderwertigkeitsgefühl neben Anita, dem "Freak": "Als
Schwester des Freaks war man nichts." Anita war für sie ein "gigantischer
Magnet", sie nur ein Teilchen, das sich abzustoßen versuchte und
doch der anderen ähnlich sein wollte, was viele Jahre später eine
lebensbedrohliche Magersucht auslöst. Die wiedergefundene Abweichung Ulrike Draesner verleugnet ihre lyrische Begabung auch in der großen Form nicht. Immer wieder staut sich der epische Fluss zu Szenen, drängt es die Sprache zu poetischer Intensivierung: "Schließt sie die Augen küßt sie ihn sitzt sie da schließt sie die Augen denkt sie an ihn setzt sie sich dahin ihn küssend rast sie durch die Stadt schließt sie die Augen rennt sie zum Bus denkt sie an ihn fällt sie fast um glaubt sie ihm hört sie nichts folgt sie sich gehen ihr die Ohren auf küßt sie ihn fließt der Mund ihr über sitzt sie da sieht sie ihn, ihn." Die Metaphorik ist immer wieder von schlagender poetischer Evidenz und zwingt - oft sehr kühn - entlegene Gebiete der Weltwahrnehmung zusammen, von atomaren bis zu stellaren Räumen. Ulrike Draesner ist eine gelehrte Dichterin, was nicht ganz ungelehrte Leser erfreut, etwa wenn sie eine Kleist-Anverwandlung entdecken (als Aloe ihn ansah und daran dachte, wie sie ihn erworben hatte, war ihr fast, als müßte sie sich freuen") oder ein Pastiche barocker Genetiv-Kettenbilder. "Anita, die scharfe Spitze von Aloes Gedanken, der harte Rap ihrer Verwirrung, die Schlang ihres Neides, die Ader ihrer Zärtlichkeit, der eisige Tunnel ihrer Verlassenheit." "Mitgift", einer der intelligentesten Romane dieser Jahre, handelt nicht nur vom Umgang mit Außenseitern, sondern auch vom Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Die hat am Schluß die Gegenwart eingeholt; wo es weitergehen muß, ist Schluß. Aber der ist offen und vielversprechend. Vielleicht kann die Aloe endlich blühen. NZZ, 12. April 2002 Huch, das ist ja ganz cyberhaft!Im Hormongestöber: Ulrike Draesner Wer in die Sterne schaut, sieht nichts als Vergangenheit, aber auch das vor Augen liegende Gegenwärtige kann sich Lichtjahre entfernen. Daß das Sichtbare dieser Welt den Menschen angeht, daß die intensive Wahrnehmung des bunten Lebens vermittelt, was zu wissen sich lohnt, ist die Hoffnung der Kunsthistorikerin und Photographin Aloe. Gegen ihre Absicht verliebt sie sich in den Astrophysiker Lukas, dem es um "Konstellationen, Verhältnisse und Wechselwirkungen" geht. Ihre Liebesgeschichte erzählt Ulrike Draesner als Drama der Sichtbarkeit, als Dialektik von Enthüllen und Verbergen der Körper. Der erste Liebesakt spielt sich dabei als synästhetisches Spektakel ab, in dem sich aber das Verhältnis von Nähe und Ferne des anderen im befindlichen Blick schon zeigt: "Sie geriet in eine blättrige, fluoreszierende Welt. Als grüner Widerschein rutschte Lukas von ihr. Er floh, wurde dunkel, verfärbte sich rasend schnell, ein Chamäleon, aufgestört in seinem Baum. Aloe lauschte auf etwas, einen Flügelschlag, ein Echo des Waldes, in dem sie eben noch gewesen waren. Doch das Grün, das sie sah, war nur der Widerschein der Lampe im Flur." Einsamkeit, Verlassenheit und Traurigkeit begreift sie bald aus der Phänomenologie der Liebe selbst. Aber Wahrnehmung und Verstehen der eigenen Geschichte sind je schon miteinander verknüpft. Nicht nur die moderne Naturwissenschaft, auch die Kunst hat es mit dem Unsichtbaren zu tun, und jede Geschichte entsteht aus dem Unerzählten und Verschwiegenen. Aloe und Lukas wissen zunächst nur altklug, daß sie "Erben" sind. Das Wort Mitgift hat für Aloe von vornherein ambivalente Leuchtkraft, aber woher ihre Enttäuschung rührt, weiß sie noch nicht. Mit der gleichen Intensität, mit der sie die Verschmelzung und Nähe gesucht hat, verlegt sie sich darauf, sich in ein Neutrum zu verwandeln. Das akribische Protokoll ihrer Magersucht bis zum Zusammenbruch wird sich im nachhinein als eine Geschichte versäumter Selbstwerdung und verweigerten Erzählens erweisen. Aloe hat ein Familiengeheimnis inszeniert, indem sie sich ihrer schönen Schwester anverwandelte, die zur Scham ihrer Eltern als Hermaphrodit zur Welt kam. Schon diese Familiengeschichte aber war das Drama wechselseitig verfehlter Wahrnehmung. Doch vermeidet Aloe nach ihrer Gesundung durch "essen und reden" weiterhin den Kontakt mit der Schwester, setzt sich statt dessen mit dem Verhältnis des sichtbaren zum unsichtbaren Körper lediglich ästhetisch und theoretisch auseinander. Die modernen Menschen Aloe und Lukas greifen dann zum ältesten Mittel der Stabilisierung einer Liebe. Aloe wird schwanger, aber auch das scheint verstrickt in die Mitgift, bezogen auf das, was im Garten der Kindheit vergraben wurde. Ihre medizinisch behandelte Schwester hat ein Kind schon zur Welt gebracht, noch einmal versucht Aloe ihr nachzukommen. Das Kind aber stirbt im Mutterleib, und die Liebe kann nicht sichtbar werden. Um so mehr ist Aloe auf den Boden ihrer Vergangenheit und ihre Schwester zurückverwiesen. "Ständig hatte sie das Gefühl, sie müsse dorthin laufen, wo die Frage herkam, um die Antwort auszubuddeln wie einen Knochen." Der Astronom aber kann nicht mehr oder will nicht mehr und flieht "auf leichten Füßen" ins Planetarium nach Chile, um in die Weltzeit zu blicken. Aloe aber lernt nun Lebenszeit, der Sache und ihrer Schwester "ins Auge zu sehen". Die aber hat sich inzwischen entschlossen, die gesellschaftlich aufgedrängte Identität wieder abzustreifen: "Doch mir geht es gar nicht darum zurückzukehren. Ich kenne das auch alles, die neuen Authentizitätsauffassungen und Körpertheorien, Butler, Foucault, den ganzen postmodernen Auf- und Abwasch. Soll die Theorie sich nur in ihren Schleifen drehen, das macht ja Spaß, für sich genommen. Aber mir geht es ganz einfach um mein alltägliches Leben." Bevor die Schwester ihre Absichten verwirklichen kann, nimmt die Geschichte allerdings eine wenig alltägliche, etwas kolportagehafte Wendung, die dem Begriff der Mitgift die letzte Bedeutungsvariante abverlangt. Dieses leibhaftige Erbe kann Aloe nun endlich ohne Zögern annehmen, und vielleicht hat auch der Sternenforscher inzwischen etwas über Nähe gelernt. Ulrike Draesner zeigt sich in ihrem zweiten Roman als Meisterin der Perspektiven und Blickwechsel. Sie versteht es, das sinnliche Erzählen bis über die Grenze der Pornographie und des gefühligen Kitschs zu treiben, um dann wieder ihre Personen kalt zu betrachten wie Versuchstiere im Glaskasten. Das Beschriebene ist dabei bis an den Rand der Überfrachtung wahrnehmungstheoretisch reflektiert. Die Liebe ist in diesem cyberfeministischen Roman ein Gefühl, ein symbolisch generalisierendes Kommunikationsmedium, eine graphische Struktur oder ein Hormongestöber. Ulrike Draesner hat eine Kunstsprache zur Perfektion entwickelt, die nichts verschmäht, was die Informationsgesellschaft zu bieten hat. Jugendsprache, Werbesprüche, Vulgärpsychologie, postmoderne Theorie, Großmuttersentenzen und Technologiejargon vereinigen sich zu einem ganz eigenen Idiom, das die Widersprüche der modernen Welt schneidend, lustvoll und oft witzig erscheinen läßt. Und doch stellt sich irgendwann bei der Lektüre durch die Cybersprache hindurch der Eindruck altmodischer Lebensklugkeit und Warmherzigkeit ein. InterviewUlrike Draesner: Über den Körper schreiben In Mitgift erzählt Ulrike Draesner eine Familien- und eine Liebesgeschichte. Es geht um ungleiche Paare, um den Körper als letzten eindeutigen und uneindeutigen Bezugspunkt der eigenen Identität. Für Mitgift erhielt die Autorin den Preis der Literaturhäuser. Die anerkannte SWR-Bestenliste führt das Buch unter den zehn wichtigsten Neuerscheinungen dieser Saison. FAZ.NET sprach mit Ulrike Draesner über die Arbeit an ihrem Roman, über Körperlichkeit und den Zusammenhang von Literatur und Bildender Kunst. Frau Draesner, wie ist Ihr zweiter Roman entstanden? Es gibt zwei Handlungsstränge in Mitgift, zum einen die Liebesgeschichte zwischen Aloe und Lukas, und dann die Geschichte zwischen Aloe und Anita, den beiden Schwestern. Mitten im Schreiben kamen mir einmal Zweifel, ob es nicht eigentlich zwei verschiedene Romane sind. Das letzte Jahr der Arbeit habe ich dann von den beiden Teilen her aufeinander zu geschrieben, die Geschichten miteinander vernetzt und die Beziehungen enger gemacht. Ein komischer Prozess: Man ist schon im Bauen und entwirft dabei noch die letzten Formen des Hauses, das es dann letzten Endes wird. Man rückt ein Zimmer ein oder macht einen Durchgang an eine Stelle, wo keiner war. Man findet plötzlich noch mal eine Treppe nach unten, wo es abgeht in die Vergangenheit - in den Keller, zu den berühmten Leichen. Und nachdem die eine Figur, Lukas, ja Astrophysiker ist, geht es auch manchmal ganz steil hinauf. Der Körper ist ein zentrales Sujet des Buches. Es geht um Magersucht, um Geschlechtseindeutigkeit und -uneindeutigkeit, das eigene und das andere Kind. Wie ist der Roman um diese Motivkette herum entstanden? Der Körper spielt auch in meinen Gedichten eine wichtige Rolle. Wie die Frage danach, wie wir unseren Körper wahrnehmen, wie wir die Welt über unseren Körper wahrnehmen. Wo hört man auf, wo fängt man an? Und wie weit beeinflussen einen die Körper um einen herum? Wenn ich jetzt auf die Mitgift zurückschaue, sehe ich, wie viele Facetten männlicher Sexualität, weiblicher Sexualität, aber eben auch der Eltern-Kinder-Verhältnisse sich da einordnen. Körper, das heißt auch Alltag, bedeutet Film- und Werbungsbilder, Essen, U-Bahn fahren. Haben Sie "Mitgift" von diesen Fragen aus entwickelt? Der Roman ist nicht von diesen Fragen aus entstanden, sondern über die Figuren. Die Liebesgeschichte zwischen Lukas und Aloe war mir von Anfang an sehr klar, und ich wusste auch, dass zwischen Aloe und ihrer Schwester Anita irgendwo in der Vergangenheit etwas ist, das bis in die Gegenwart der 90er Jahre, in der das Buch spielt, ausstrahlt. Wie hat sich dieses Geheimnis konkretisiert? Mir war klar: Es muss um ein Tabu gehen, um ein Familiengeheimnis, das aber auch eine körperliche Manifestation hat, das sich sozusagen im Konkreten niedergeschlagen hat. Und plötzlich, mitten im Schreiben, wusste ich, es hat etwas mit Sexualität zu tun, diese körperliche Anomalität von Anita. Dann habe ich angefangen zu recherchieren. Was ich fand, waren Bilder, aber keine Antwort auf die Frage, was es wirklich bedeutet, als Mensch mit Sexualorganen zwischen männlich und weiblich auf die Welt zu kommen. Die Medizin zeigt nur das Phänomen. Alles, was sie auslässt, was sie nicht versteht, ist der Punkt, an dem Literatur einsetzt. Es ist überraschend, wie viele Kinder mit nicht ganz eindeutig zuzuordnenden Geschlechtsmerkmalen geboren werden: zu kleiner Penis, zu große Vagina, irgendetwas dazwischen - eine erstaunliche Zahl, Dunkelziffer zwischen zwei und fünf Prozent. Dass man in den 60er und 70er Jahren wie wild operiert und alles tabuisiert hatte, damit hatte ich ja noch gerechnet. Aber es ist heute noch ganz genau so. Ich habe mit einer Chirurgin gesprochen auf der Charité, die arbeitet da seit 20 Jahren in der Neugeborenen-Abteilung. Und die macht nur das, nur diese Art von Operationen. Wie sind diese Recherchen in den Roman eingeflossen? Wenn man für einen Roman recherchiert, muss man eigentlich alles, was man gefunden hat, wieder vergessen. Im Endeffekt bleibt nur sehr wenig, was dann wirklich ins Gewebe des Romans eingeht. Eines zum Beispiel leuchtete mir auf einer gefühlsmäßigen oder irrationalen Ebene sofort ein: Ein Psychologe, der mit diesen Formen sexueller Abweichung zu tun hat, erzählte mir, dass die Kinder, mit denen er arbeitet, alle unheimlich gern mit Feuer spielen. Das ist dann auch für Anita, die Romanfigur, die mit dieser äußeren Vermännlichung auf die Welt gekommen ist, in den Text eingegangen. Es ist eine Eigenart von ihr geworden. Gibt es ein im engeren Sinne sprachliches Anliegen Ihres Romans? Ich wollte eine Sprache finden, um den Zustand der Magersucht auszudrücken, dieses besondere Körpergefühl. Ich wollte diese Krankheit auch über die Sprache, über ihre Rhythmik und Dynamik abbilden. Die Sätze magern ab, sie werden harsch und sehr streng mit sich selbst. Dann bricht Aloe zusammen, kommt ins Krankenhaus und wird dort einige Wochen therapiert. Das ist dann auch eine allmähliche Rückkehr zum Grundton des Romans, in dem es dann auch weitergeht. Dieser Grundton ist schwer zu beschreiben. Man muss es lesen. In der Familie von Aloe und Anita gibt es einen Zweig, der aus Schlesien kommt, und mir hat großen Spaß gemacht, auch ein paar schlesische Ausdrücke aufzunehmen, bei der Sprache der Großmutter. Sie sagt zum Beispiel einmal: "Pluder nicht so, Ingridchen". Das heißt: "Reg dich nicht so auf". Ich habe auch Wissenschaftssprache aufgenommen, über die Astrophysik, bin in verschiedene Jargons hineingegangen, etwas auch in die medizinische Sprache. Dann hat mich interessiert: Wie beschreibt man Fotografien und Kunstwerke? Anita ist Kunsthistorikerin, und mit der Kunst zieht sich ein ganzer Motivstrang durch den Roman. Zentral sind dabei die Arbeiten von Spencer Tunick. Er fotografiert große Massen nackter Menschen, die irgendwo einfach auf dem Boden liegen. Dabei entsteht ja auch ein Vexierbild zwischen Gleichheit und Gleichgültigkeit. Und diese Gleichgültigkeit - auch im Sinne von Gleichwertigkeit - ist etwas, das in Ihrem Roman in Frage gestellt wird. Wir sind in jedem unserer Lebensvollzüge auf andere Menschen angewiesen. Sie müssen das Ganze mit uns aufrecht erhalten, im Essen, in der Wärme, überall. Dabei verstehen wir uns aber alle als Individuen, und wir leben mit dieser Doppelbezüglichkeit. Das spiegelt sich sehr schön in den Bildern von Tunick. Er arbeitet immer mit der Masse Mensch, Menschen hundertfach, nebeneinander, nackt. Doch es ist ganz merkwürdig: Wenn man die Fotos länger anschaut, fängt man an, einzelne zu sehen. Man sieht immer doppelt, man sieht ihre Gleichförmigkeit und dass alle, die da liegen, Menschen sind und eben keine Kühe. Und man sieht eben auch ihre Einzigartigkeit. Welche Rolle spielt Bildende Kunst allgemein für Ihr Schreiben? Ich bin ein sehr farbbezogener und strukturbezogener Mensch. In meinem Elternhaus gab es nicht so viele Bücher, dafür aber mehr Anknüpfungspunkte an die Bildende Kunst. Mein Vater ist Architekt, und ich durfte immer eine Menge malen und zeichnen. Es war großartig, ich habe das geliebt. Und ich weiß noch, wie ich das erste Mal im Lenbachhaus war und Klee angeschaut habe, mit sieben oder acht: Das war ein richtiger Stoß, eine Traumwelt, ich war absolut hingerissen. Ich suche Bildende Kunst, um aufzunehmen, wie jemand anderes die Welt sieht. Und um zu versuchen, das, was in dem Bild da ist, auch wieder in Sprache zu übersetzen. Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann faz.net, 9. Mai 2002 |