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Lichtpause

Lichtpause

Roman
Volk & Welt 1998

Textauszug | Kritik

Vater hat eine Blase gemacht: wir fahren, Vater raucht, Vater kaut Schokolade, die Berge erscheinen, das Auto ist ein Blechzimmer, es wird in den Bergen sichtbar, es fährt in sie hinein, bis es nicht mehr weitergeht, es fährt weiter. Überall kopflose Körper: Bergrücken an Bergrücken, über den Insassen des Autos treiben die bleichen, abbröckelnden, nacktknochigen Schulterblätter mit einer solchen Langsamkeit dahin, daß Hilde kaum eine Veränderung ihrer Anordnung wahrnehmen kann. Hoch und fern überlagern oder verstellen sich die amputierten Steinrümpfe, tauchen wieder auf, wechseln einander ab, schemenhaft, doch ohne näher- oder vorzurücken, so daß sie auf der Stelle zu fahren scheinen, gefangen in einer Art lauwarmen und zähen, aus Felsen, Flechten und Wasserdampf gemischten Schmiere.

Erst ist es ein Scherz, sie kann laut lachen: ameisengroß unter die weißgrauen, sich ausstülpenden Ränder der steilglatten Dolomitenmasse gefahren zu werden. Doch dann wird die Stille im Auto dick, so laut dröhnen der Motor und der Fluß, der eng und braun, eisig und schäumend neben der Straße springt: Etsch. Mehr ist da nicht. Die Straße, der Fluß, für mehr ist da kein Platz. Zwischen Wänden, die nichts als Fels sind, geschieferter, unbewachsener, dichter und dichter heranschiebender Stein. Dann kriecht das Auto, das kein Käfer ist, die Serpentinen, sagt die Mutter, hoch, als wäre es doch einer, denkt Hilde, die Schlange hier hinauf. Sie sieht sich selbst da sitzen, die Hände im Schoß, als wäre sie alt, die Arme an dem feuchtrutschigen Polster, und der Rock hört über den Knien so früh auf, daß auch die Oberschenkel, hinten und innen, innen und hinten, am Sitzplastik kleben. So fahren sie im Schwitzkasten, in der Vateridee, in die Berge hinein, die sich weiter auffalten, verkanten, gegeneinanderstellen, ein unübersichtliches Gewirr, und während man hinauffährt, werden sie höher und immer nur höher.

Der Wagen hält über der ins Leere hängenden Straßenkante. Darüber die Dachrinne des Ochsenstalls, sagt der Vater. Sie steigen aus, die fünf Häuser des Ortes schwingen um die Kirche zu einem Platz zusammen. Der Platz ist ein Parkplatz, der Ort ein Bild. Das sich den Urlaub familienförmiger anschneidert als je zuvor, mehr Sonne, mehr Kühe, mehr Essen, mehr Zimmer, nur sind sie, sagt die Wirtin, mit dem Anbau am Bauernhaus nicht fertig, also werden Ankömmlinge zwischengeschichtet, eingelagert ins Feuchte, und das ist im Neubau: überall.

Hilde bringt es mühelos fertig, sich gleich wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mittelpunkt will im Schankraum gleich vor ihren Füßen sein. Im Mittelpunkt liegt Kotze. Muß aus Hilde geflossen sein. Muß so gewesen sein. Schuld ist die..., zeigt ihr Finger: Wirtin, von der steht ein Geruch nach Wein, Kindern, Bier und Kühen ab wie ein zweites Gesicht. Alles riecht süßlich, nach Heu und Speichel: es riecht. Hilde will dieses Gesicht nicht berühren, aber das Gesicht umarmt sie, schlingt sich um sie herum, sie in sich, schlingt es, hinein. So daß sich alles dreht, braucht sie gar keinen Berg dazu, daß ihr hier von der bloßen Zeit, mittendrin, wo sie steht, schlecht wird, davon, wo man sie hingestellt hat.

Jeden Nachmittag trinkt der Vater jetzt, der Augustsonne entgegen, ein Das-erlaubst-du-dir-mal-Urlaubsbier, auf der niedrigen Holzbühne vor dem Haus, die in Schnauders als Veranda, Biergarten, Terrasse gilt. Die Dielen gehen auf der bergunteren Seite in den Stall über, in dem die Ochsen stehen, grau und mit muldigen Augen, dafür geht umgekehrt der Geruch aus dem Stall auf der Terrasse bergauf. Im Stall streichelt Hilde das Stroh. Es zerfällt in einzelne Halme, sie streichelt die Halme, die Halme zerbrechen in einzelne Stücke, sie streichelt die Stücke, sie streichelt dazwischen, sie streichelt nichts. Die Augen der Ochsen kleben an Hilde. Sie starrt auf den Boden, das zerbrochene Stroh, die löchrigen Bretter im Stall: Spleißen und Splitter stehen aus dem Holz, die Ochsenhaare biegen sich von den Ochsenbäuchen weg, die kurzen Hörner ragen aus den Köpfen, der am Nagel hängende Eimer drängt weg von der Wand, die obere, aufklappbare Hälfte der Stalltür flackert hin und her - alles steht von sich selbst ab, so weit es kann. Spalten, Risse, Zwischenräume, überall.

Textauszug | Kritik

Hilde, eine Zurichtung

Lichtpause, Lichtblick: Ulrike Draesners Debüt als Romanautorin
von Christiana Engelmann

"Da Lyrik offenbar ihr natürlicher Ausdruck ist, wehe uns, wenn sie mit Prosa kommt, dann hätte sie ja beides", prophezeit ein Rezensent, als ihr Gedichtband gedächtnisschleifen 1995 erscheint. Mit Lichtpause hat die 35jährige Lyrikerin Ulrike Draesner jetzt ihren ersten Roman vorgelegt, und weil die Lyrikerin und die Erzählerin so gut zusammenarbeiten in diesem Roman einer Kindheit, ist ihr Blick auf eine Durchschnittsfamilie in ländlich-katholischem Umfeld so ungewöhnlich.

Die frühen sechziger Jahre sind noch Lichtjahre von Achtundsechzig entfernt und die Umstände nur zu bekannt: Der Vater, Architekt und Herrscher im Haus, arbeitet im Bauboom Tag und Nacht, "nur für die Familie". Er liebt gerade Linien, Fleisch und Beton; die Mutter legt sich krumm, lenkt die Gefühle der Kinder (ihr habt eine schöne Kindheit!) und "schneidet die Wahrheit, so daß sie in den Kopf des Vaters paßt". Wie im Tierreich ist er schön, sie grau und anspruchslos, Tochter Hilde das Kuckucksei.

Die beiden, von der Tochter "das Elt" genannt, "brüten auf ihr und werfen die Schatten ihrer schwarz-weiß-gesprenkelten Ideen und Absichten" auf sie. Du sollst mein Abbild oder gar nicht sein, lautet der väterliche Auftrag. Nur zu gern hätte das Kind den Vaterwunsch erfüllt, aber das Kind ist ein Mädchen und zudem als solches ihr Geld nicht wert: dick, gescheit und eine "häßliche Brillenschlange". So wie die Lichtpausenmaschine die Entwürfe des Vaters abpaust, würde sich Hilde am liebsten nach seinem Bild vervielfältigen, doch in ihren Träumen kommt sie immer am falschen Ende heraus.

Nur eine Lesart von vielen ist die Abrechnung mit der schwarzen Pädagogik der Nachkriegszeit, der ungeheuerlichen Normalität einer lieblosen Kindheit. Zentral ist die Erfahrung einer fundamentalen Fremdheit. In keinem Punkt der Welt kann Hilde sich wiederfinden, so eng ist das Spektrum möglicher Identifikationen: Vaters wilde Hilde, Mutters "Dienstkind" oder Barbie kann sie nicht sein. Am ehesten erkennt sie sich noch im Los des Jungviehs, "demütig" und "zum Aufschauen" gezüchtet; in der Schule ist sie "williges Füllhorn". So wird der dicke Mädchenkörper zur Metapher für eine Identitätsverweigerung. In Traumschüben erscheint dem Kind die Wahl zwischen Anpassung und Widerstand im Bild des gehetzten Einhorns, das entweder in einen Käfig gesperrt und domestiziert oder von Hunden zerfetzt wird, woran es dann selbst schuld ist.

Weiblichkeit ist in dieser Welt rundum defizitär, "gekrümmt" und minderwertig, nahe dem Tierreich. "Die katholische Großmutter preßte schließlich zehn lebendige Kinder aus sich heraus, die alle an der Zitze hingen." Doch hier erlöst Sprache nicht aus der dumpfen Existenz, sondern schreibt sie fest, schreibt das Außen dem Innen ein. Gesagtes und Ungesagtes prägen die Atmosphäre. Das Kind Hilde ist "wie eine Spule, auf die sich die Sprache von z bis a aufspult", wie ein Korsett, das die Organe abdrückt. Für die erwachsene Hilde scheint Sprache, paradoxerweise, lebensrettend zu sein.

Der Leserin, dem Leser spult sich die Sprache dieser Kindheit allerdings so leicht nicht auf. Man muß sich den Weg durch das dichte Neuland sprachlicher Figuren erst bahnen, durch die Zeitsprünge, rätselhaften Verknüpfungen und die vielen Wortschöpfungen. Leichthändig verdichtet Draesner komplizierte Gefüge im treffenden Bild: Hildes "Abhängigkeitsfüße" stehen unter dem "Vatertisch", die Familie fährt "im Schwitzkasten der Vateridee" in Urlaub. In ungewöhnlicher Perspektive wird wie von außen und innen zugleich erzählt: "Ich bin damals und heute. Wenn ich will, hat sich die Perspektive wegerfunden", flüstert die Stimme, die sich nach dem "Unfall" auf den vergessenen Speicher rettet und als zweites Ich weiterlebt - eine narrative Strategie im Gewand einer Kinderfantasie.

"Manchmal schlüpfe ich in das Sehen-wie-früher", lockt das Ich. Und das ist tatsächlich keine leere Versprechung. Es ist die Leistung dieser virtuosen Sprachspiele, der mal kühlen, mal poetischen Tonlagen, daß sie dem kindlichen Wahrnehmen ganz nahe kommen, Kinderlogik, Ängste, Ohnmacht, Komik werden unmittelbar Sprache, ohne Naivität zu simulieren, in schlichten, zerhackten oder verdrehten Perioden, in expressionistischen Bildern, archaischer Verkehrung von Ursache und Wirkung - oder einfach so: "Eine Kuh hat zwei Enden. Vorn fließt die Wiese hinein, hinten wird sie wieder ausgespuckt." Körperteile schlingern durch die im Dauerschrecken zerplatzte Welt, allen vertraut, nur Hilde nicht. Der "Mund" schreit sie an, die Augen "biegen sich weg", "aus der Mutter fällt neues Schwesterfleisch". Nur einmal, als der Vater sie trägt, "hängt plötzlich alles zusammen". Die Mutter: "Wir sind eine gesunde Familie".

Natürlich liest sich Draesners Roman auch wie die hochliterarische Bewältigung einer Kindheit. Doch nur das Klima jener Zeit habe sie genau so erlebt, sagt die Autorin, fast alles andere sei frei erfunden. Für den Leser jedenfalls ist es ein wahrer Lichtblick zu erfahren, wie Sprache es vermag, die Automatismen der Wahrnehmung aufzubrechen und ihre eigenen Grenzen zu verrücken.

Tagesspiegel, 6. September 1998

Entfremdung, buchstabiert

Ulrike Draesners Roman "Lichtpause"
von Guido Graf

In diesem großen Buch herrscht eine andere Dunkelheit, eine gleißende, schimmernde und flirrende Dunkelheit, die dauernd in Bewegung scheint, die das kleine Mädchen umfängt, das sich als elfjährige Hilde erinnert, wie ein Faden, der nur einer unter vielen anderen ist, der nichts zusammenhält und den man aber doch immer sieht.

Hilde findet, daß "Pause" ein merkwürdiges Wort ist. In ihre Wahrnehmung ist eine - so der Titel des Romans - Lichtpause eingetreten. Das ist, so wird genau in der Mitte des Buches gesagt, "ein Bruch im Strahl. Die unvorhergesehene Lücke, das Loch, zu dem etwas herausfliegt, hervorwirbelt." Diese Pause markiert eine Abwesrnheit von Licht, eine Dunkelheit, einen Sog, in dem sie verschwinden soll, als Abbild der Eltern, durchgepaust, ein Negativ.

Was sich alles in Hilde, im "hildenharten Kopf" zusammenzieht, wird in Ulrike Draesners erstem Roman Sprache von verwirrender Fremdheit und Dichte. Fern von Sentimentalität sind die rührendsten, bedrückendsten und komischsten Eindrücke, wo die Distanz des Kinderblicks zu seiner Umgebung mit trockener Wortartistik Alltagshölle gebiert. Eine kantige, einfache Sprache, gerade, oft elliptische Sätze, sparsam und genau eingesetzte Metaphern imitieren kein kindliches Therapieschicksal, sondern geben dem Seelenleben, dem Selbsterleben des Mädchens ein Echo. Entfremdung wird hier buchstabiert, vorsichtig, außen sonst nur Stimmen. "Sie würde ja gern so sein, wie sie soll - will sie. Würde sie so gerne wollen, dass sie so gewollt wäre wie etwas, was das Sollen nicht mehr spürt." Sprache spricht, und sie beginnt, sich zu verselbständigen. Wunsch und Zwang überlappen sich hier, die Grammatik bestimmt unbarmherzig genau, ein Irrlichtern und Kreisen, das sich verfangen hat. Hilde ist "ein Ort in einem Ort, immer derselbe und immer verlassen." Da schreit nichts, kein Drama, sondern nicht nachlassende Gleichmäßigkeit, ein Gleichgewicht aus Phrasen, die wie mit Nut und Ferdern das Kind gemütlich verschalen.

Erwachsenensätze stehen manchmal einzeilig, wie verloren da und müssen doch die Ordnung sein, an der Hildes umstandsloses Phantasieren scheitert. Ulrike Draesner führt den gewöhnlichen Seelenschaden eines Kindes da vor, wo er allein faßbar scheint: in der Sprache. Doch unfaßbar, wie das schöpferische Potential zugerichtet werden soll, Verhärtungen und Abdichtungen bewirkt, die alsbald der Außenwelt nichts mehr zukommen lassen: "die Sprache hat das Kind längst am Wickel und spinnt sich auf es hinauf". Wie lernen, mit dieser Last umzugehen? Der Widerhall von Hildes Innensprache erodiert jedes Gefühl.
...

Dieser Kinderalptraum ist ein Gefängnis, perfekt, ein Kunstwerk. Das kann man nicht wollen, das wird, wie Hilde sagt, "wegerfunden". Doch ist ihr zugleich klar, wie in der Wirklichkeit das Eltern-Kind-Schema gestaltet wird, "immer so, dass der eine schwach sein muß und sich verbiegen, damit der andern eine Zeitlang geradestehen kann." Da scheint Hilde noch bemüht, ihre Verwunderung als Not der "betonfrohen" Eltern zu verstehen. Sprachschranken regeln schließlich auch das.

In ihrem eigenen, kleinen Sprachgebrauch, von dem eigentlich nie etwas nach außen dringt, gibt es nicht mehr Mutter und Vater, sondern nurmehr Bedeutungsfunktionen, und zwar als Einzahl von Eltern: das Elt. "Es ist ganz eigen. Sie kennt es genau. Es sitzt gern auf dem Sofa. Hilde kommt dann nur zitiert vor. Vor es hinzitiert."

Dieser Macht ist das Kind ausgeliefert. In Hildes Sprache ist das bitter komisch, todernst, das Elt ist ein Neutrum, "es sitzt und befiehlt. Manchmal lächelt es auch. Aber das Gesicht ist starr. Das Lächeln klein. Das Elt kennt sich. Es kann nicht zerfließen wie sie. Es ist geübt. Das Elt gibt es ohne das Kind nicht. Wenn das Kind nicht da ist, ist das Elt tot. Doch das denkt das Elt nicht. Das Elt ist sicher."
Ulrike Draesner gibt Hilde keinem Schicksalskitsch preis, sie ist ganz bei der Form, in geschärften Satzkonturen. Mit lakonischer Sorgfalt setzt sie ihre Sprachkunst für eine Stimme ein, die Hilde doppelt undurchdringlich macht, die in der gegenwärtigen deutschen Literatur durchdringen wird.

Frankfurter Rundschau, 31. Oktober 1998