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kugelblitz

kugelblitz

Gedichte
Luchterhand Verlag 2005, 10 €
www.lyrikline.org

Textauszug | Kritik

aufkommen

über den feldern der kleine fleck
wie er sich bog über die langen
sheddächer der lager wie
schnell er war dass das unsere
geschwindigkeit sei glaubte
das mädchen neben mir nicht
- angst flügel ein rumpf
zoomten auf uns zu
als ziehe jemand mit
schnellem seil uns
hinab wie die bäume
loderten im bruchteil
einer sekunde der räder
touch down
sie sagte auf der erde sein heißt
seinen schatten berühren


daddy longbein

und sie sagten
wie er immer immer
zahle sagten dass er
einmal komme lange hin
wie er niemals niemals

trinken würde tee. ich
drehte eine, zog, dann er,
wie er niemals niemals?
nachts schwamm ein
mond das zimmer um

wie er immer immer
sagten sie ich roch an
seiner haut und schwoll
niemals niemals fällt
hier schnee. flaschen

brachen licht wie finger
wie er niemals niemals
drehte meine locken aus zog
daran wie er immer immer
sagten sie diese finger

beim abschied über
wangen wände sagte er
dass er niemals niemals
(dass er niemals niemals)
wie er immer immer sagten sie

Textauszug | Kritik

Sinnverschiebungen in Versen

Eine Strassenbahn rattert die Schienen entlang. Kurz vor dem Haus wird sie langsamer, macht eine S-förmige Schleife und fährt wieder davon. Dem Betrachter hinter dem Fenster ist dieser Rhythmus vertraut. Doch eines Tages nimmt er ein Fernrohr zu Hilfe - und plötzlich bemerkt er etwas völlig anderes: Der rote Wagen wird wie eine Pappschachtel zusammengedrückt, die Wände stossen immer schräger aneinander. Dann scheint der Kasten auf einmal hinten breiter, und während durch alle Flächen noch kurz eine Bewegung läuft, ist die alte vertraute Schachtel wieder in Ordnung.

In seinem kleinen Text aus dem Jahr 1926 beschreibt Robert Musil den Blick durch das Fernrohr als ein Umstülpen der Wahrnehmung. Das technisch verlängerte Auge taucht unter den gewohnten Zusammenhang der Dinge und setzt Einzelheiten frei. Es gibt die "romantischen Beziehungen zur Umwelt" auf zugunsten der "richtigen optischen". In Ulrike Draesners neuen Gedichten kehrt Musils Strassenbahn wieder, nur schlingert sie nun "kreischend / in die kleinste kurve". Diese Lyrik kennt keine festen Hierarchien mehr. Wo bei Musil hinter dem Gewebe aus Gewohnheit eine zwar dämonisch anmutende, aber doch "richtige" Welt erahnbar wird, halten Draesners Gedichte zunächst alles offen. Zwischen dem Wildwuchs der Bedeutungen und seiner Bändigung finden sich hier die wundersamsten Mesalliancen, wird bald schon alles mit allem vergleichbar. Die Gedichte stellen neue Zusammenhänge her, merkwürdige Verbindungen, die keiner kausalen Logik gehorchen. So lässt sich die Strassenbahn vom Liebesspiel zweier Hunde anregen, bis sie am Ende lustvoll davonsaust.

Fast jedes der Gedichte verfügt über eine solch kleine Versuchsapparatur. Hier werden die überkommenen Vorstellungen vom "Subjekt" oder vom "lyrischen Ich" erprobt. Hier forscht Ulrike Draesner einer Sprache der Gefühle nach, die um ihre Zeichenhaftigkeit weiss und um die Zeit, in der sie steht. Vor allem aber jener nur scheinbar sicheren Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der Erinnerung und dem Erleben des Moments. Oft setzen die Texte mit Bildern ein, die an Kindheits- oder Jugenderfahrungen denken lassen. "als meine schwester den hasen / penelope nannte", beginnt ein Gedicht. Oder: "hätte ich mich niemals verliebt / (nährenden bodens)". Doch schon eilen die Verse "mit / kleinen winkenden armen durch die zeit". Bruchlos wechseln die Bild- und Sprechweisen, "feensprache" schleust Draesner ebenso ein wie simple "ferngespräche". Irgendwann ist aus dem "nährenden boden" ein "sich nähernder boden" geworden. Es sind diese klangstark inszenierten Laut- und Sinnverschiebungen, die den Leser ganz nah an die Gedichte heranholen.

Ulrike Draesners Texte, die Romane ebenso wie die Erzählungen, die Essays oder die Gedichte, tragen den Entwicklungen ihrer Zeit Rechnung. Die einschneidenden Veränderungen im Denken und Fühlen, die sich durch Bio- oder Computertechnologie ereignet haben, prägen ihre Form bis in die Satzzeichen hinein. Das gewagteste Unternehmen sind vielleicht die "Radikalübersetzungen" von Shakespeares Sonetten. Mit einer Reihe von Sprachmutationen hat sie die Sonette in vielzüngige Gen-Gedichte verwandelt, in "Reden von Klonen in einer geklonten Welt". All diese Vorstellungen sind auch im neuen Gedichtband anwesend. Aber sie werden nicht mehr ausgestellt, vielmehr schweben sie angenehm unaufdringlich im Hintergrund.

Das heisst keineswegs, dass die Gedichte nun weniger vielschichtig wären. Im Gegenteil, ihre treibenden Rhythmen eignen sich gleichermassen für schmale Textfiguren wie für die Langzeile. Sie inszenieren "spreng / träume" und ein "flixes sehen", das wie nebenbei die Fältelungen der Liebe mit geschichtlichen Spuren verknüpft. So sind Ulrike Draesners Verse nichts Geringeres als Erkenntniswerkzeuge. Sie verraten uns etwas über die Verbindung von Erkennen, Fühlen und Sprechen. Musil nannte es die "unendliche verstehende Auflockerung des Menschen".

Nico Bleutge, NZZ, 28. Juli 2005