RSS iconNewsfeed  |  Kontakt
Hot Dogs Hot Dogs

Hot Dogs

Erzählungen
Luchterhand Verlag 2004, 19 €
btb 2006 (TB), 9 €

Textauszug | Kritik

Sie spürte seine heiße, kaum feuchte Zunge auf ihrer Wade. Von hinten hatte er sich angeschlichen. Wütend fuhr Jana herum, stieß ein ke aus, zog die Stimme hoch im abschließenden ops. Er zuckte zusammen und machte einen Schritt zurück. Dabei schaute er sie vorwurfsvoll an.

Blödes Vieh. Sie legte ein zweites, diesmal eher mahnendes "Cheops!" nach. Wenigstens zum Schimpfen war dieser idiotische Name gut. Und: sie durchschaute ihn. Er schleckte sie nicht ab, weil er sie mochte, sondern weil er wild war auf Creme. Von Penaten zur Body Lotion von Armani - Creme liebte er. Idiotisches Vieh! Matze hatte ihn gewollt, unbedingt, war beharrlich gewesen, hatte an Jana hingeredet, sogar gebettelt, bis sie sich hatte breitschlagen lassen. Seine Wochenenden verbrachte Matze nun vornehmlich mit dem Hund, aber das hieß auch, daß sie beide mehr Ausflüge machten als früher, und Jana freute sich sogar daran, wenn sie sah, wie Matze aufblühte, wenn das Tier nach 20 vergeblichen Versuchen endlich das weggeschleuderte Stöckchen apportierte. Doch sie war es, die Cheops während der Woche tagsüber allein am Hals hatte! Jana arbeitete in der Wohnung, das Zimmer neben der Küche war ihre Werkstatt, ihre Lampen und Brenner, Zangen Pinzetten und Lupen warteten dort auf sie. Wenn sie an einem Ring oder Halsband saß, brauchte sie absolute Ruhe. Cheops hatte das erstaunlich schnell begriffen, er schlief dann, zusammengeringelt wie ein Fuchs in seinem Bau, auf einer Decke an Janas Tür. Vor mehr als drei Jahren hatte Matze die Anzeige im Internet entdeckt: "Basenjis, 12 Wochen alt, direkt vom Züchter". Da gab es kein Halten mehr. 2000 Jahre alte Hunde, eine Rasse aus Vorderägypten, rief Matze, auf Steinzeichnungen zu sehen, umtanzt von Hieroglyphen, hübsch und geheimnisvoll. Der Preis für das Tier war dann weniger geheimnisvoll gewesen als einfach nur hoch, doch nun besaßen sie einen Hund mit wahnsinnigem Stammbaum, quasi die ganzen 2000 Jahre zurück, was allerdings die Intelligenz des Tieres nicht unbedingt förderte. Cheops nämlich schleckte schon wieder, und Jana wußte, was allein ihn davon abhalten würde: streicheln oder ein Leckerli. Sie lachte ihn aus und schäumte ihr zweites Bein ein.

Cheops, dieser Sisyphos! Auch das männliche Geschlecht war eben ohne Pragmatismus verloren. Sie alle hatten mit 15 diese Camusphase durchlebt, nachmittags Camus und abends T. Haribo Gottschalk auf B3. Jana hätte, an Sisyphos' Stelle, eine Maschine gebaut, den Berg hinauf. Der Weg war das Ziel, so hieß es damals, doch jetzt war das Ziel das Ziel. Ein Kind, mit irgendwem. Janas Hand strich mit Rasierer Nummer zwei in regelmäßigen Zügen von unten nach oben, gegen die Wachstumsrichtung der Haare. Romantische Ideen über die "Liebe" belächelte sie längst. Romantische Ideen waren erfunden, auf daß die Maschine Zeit sie einsog und zerkaute. Das machte wenigstens lustige Geräusche, wie das Einziehen von Nudeln in den Mund. Oder wie die Zunge des Hundes, die über Janas nasse Hand fuhr, kleben blieb, sich löste, wiederkam. Sie streichelte ihn ja doch, aber nur ganz kurz.

Auch Matze hatte nicht gewußt, daß Rüden sich stets den Frauen der Familie besonders eng anschlossen. Lockgerüche lagen in Menschen- und Hundewelt offensichtlich nah beisammen, die hormonellen Unterschiede schienen minimal. Und wenn es darum ging, wußte Cheops Bescheid!

Um das Geld, das er gekostet hatte, wieder reinzukriegen, und weil der Züchter ihnen ins Gewissen redete - Verantwortung bei so einem seltenen Hund, einem derartigen Prachtexemplar - und am Ende auch, weil es Matze Spaß machte, war er mit Cheops, kaum hatte der das Junghundalter erreicht, auf Zuchtschauen gegangen. Noch vor den ersten Preisen kamen die Angebote, seither strichen sie fast jeden Monat eine Stange Geld für einen von Cheops Deckakten ein. Sein Fell schimmerte rötlich und gelb, die Ohren standen wie kleine Pyramiden, wenn er eine Hündin sah, und schon tat er sich und seinem Herrchen alle Ehre an. Wenn es donnerte, versuchte er, auf Janas Schoß zu springen, doch beim Decken ging er ran wie ein Skilehrer, scharfe Kurve, Standbein, Spielbein, rein. Er hatte schon mindestens 200 Söhne und Töchter, trieb es lustvoll und bekam auch noch Geld dafür. Manchmal, wenn Jana unter Matze lag, fand sie das ungerecht, schließlich machte auch sie gute Miene zu einem irgendwie erloschenen Spiel. Matzes Spermien waren Müll! Kleckse ohne Kerne, Sisyphosse, die den Berg raufrannten, immer rauf, doch ohne Stein. Seit Jana das wußte, fühlte Sex mit Matze sich lasch an, selbst wenn der sich besonders ins Zeug legte. Doch das Risiko, daß etwas passierte, fehlte. Diese Drohung, zugleich ein Versprechen, hatte als sie noch verhüteten den Kitzel erhöht. Jetzt war der Kitzel fort, fort der Spaß, weil etwas passieren sollte, das nicht passieren konnte.

Kastanienblüten trieben in Böen durch die weiten Straßen, als Jana losfuhr. Sie roch gut, und das Datum stimmte auch. Wenn Matze wollte, konnte er ja einen Vaterschaftstest machen lassen, heutzutage war es praktisch unmöglich, Männer da noch groß zu betrügen, Jana brauchte also kein schlechtes Gewissen zu haben. Sie war moralisch erzogen worden, in einer Zeit, in der es bereits angesagt war, daß jeder mit jedem ins Bett ging. Cheops nieste. Jana lächelte sich im Innenspiegel aufmunternd zu: sie dachte gar nicht daran, sich damit abzufinden, daß die sogenannte Natur sie am Schlawittchen hielt! Ihr die Biopistole auf die Brust setzte. Im Rückspiegel erschien Cheops schwarzglänzende Schnauze, die rosafarbene Zungenspitze schleckte, die Nase witterte, und schon tauchte der Kopf wieder ab. Er suchte Krümel, die er fast so gern fraß wie Creme.

Gut, sie war keine 30 mehr, auch keine 35. Aber immer noch schön, auch ohne Makeup, ohne Goldgel im Dekolleté und Kampfrot auf den Zehen. Männer drehten sich nach ihr um, na gut, das war vor zehn Jahren gewesen, aber auch jetzt klappte es manchmal noch. Wirklich, sie brauchte keine Eiswürfel an den Brustwarzen, damit man etwas von ihnen sah! Einer wie Heimo konnte froh sein, wenn er sie bekam. Die Durchfahrt unter der Quadriga war gesperrt, nur Werbung leuchtete: The World is getting closer. Jana trat aufs Gas.

Textauszug | Kritik

Wilder Reigen

"Die Welt hat einen Buckel und Warzen, wir tanzen darauf." Schreibt Ulrike Draesner- und lässt sie tanzen, die überdrehten, ausgebufften, die gierigen und geschafften Figuren ihres Geschichtenbandes "Hot Dogs". Einen holt die Vergangenheit ein, als er im ewigen Eis den Helden spielt. Eine andere erkennt, dass der Vater ihrer Schulfreundin zwar einen klasse Atombiunker im Garten hat, aber für das Töchterchen ist dort kein Platz. Eine Kampfhundezucht fliegt auf, und bei den Männern reicht's nicht zum Vaterwerden. Die Frauen wissen sich dennoch zu helfen. Sie tricksen um ihr Leben, um ihr Glück. Und Ulrike Draesner erzählt - mal fast comichaft grell, mal zart verquer, ma schnell, mal cool, dabei immer gekonnt. Und immer wieder auch auf verblüffende Art erotisch.

Brigitte, 30. März 2004

Ein Spezialkühlschrank für Gefühle

von Michael Jeismann

Der Mensch am Ende seiner biologisch-willkürlichen Natur, wie er hier auftaucht, rührt uns an durch seine Verzweiflung und seine Wut; er weiß, wie überflüssig er schon ist, aber er hat noch nicht vergessen, daß das Überflüssige und Überschüssige die Spezialität seiner Spezies ist, seine eigentliche Erfindung, das Überflüssige als das Wesentliche zu kultivieren. Dieser Mensch, der sich durch die Idee, sich selbst zu züchten, gerade abschafft, bringt uns auch zum Lachen durch den unbändigen Pragmatismus seiner archaischen Natur, die geschwächt ist, aber die Hoffnung auf sich selbst noch nicht ganz aufgegeben hat.
...

Die "Hot Dogs" sind Mitnahmegeschichten, in denen wir wiederfinden, was wir noch verlieren werden. Ulrike Draesner hat es glänzend verstanden, dieses Spannungsverhältnis und die Wut in zwei Sprachebenen zu fassen, die sie in- und aufeinanderschiebt: lakonische, umgangssprachlich-flapsige Wendungen treffen auf Ausdrücke, die wie Manierismen wirken, tatsächlich aber funkelnde Splitter einer zerbrochenen Freude sind. Man schneidet sich daran oder spiegelt sich darin - ganz wie man will und kann.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2004