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Schöne frauen lesen

Schöne Frauen lesen

Essays
Luchterhand Verlag 2007, 8 €

Das Lesen: ein Glück, soviel ist sicher. Aber was geschieht denn eigentlich genau, wenn wir uns in die Romane von Virginia Woolf und Antonia S. Byatt, in die Gedichte von Droste-Hülshoff und Friederike Mayröcker, in die Erzählungen von Ingeborg Bachmann hineinbegeben? Wie bahnt sich das Lesen seinen Weg, auf welche Weise gelangen wir in die erschriebenen, neuartigen Welten? Und welche Stimme ist es, die wir auf einmal immer deutlicher zu hören vermeinen?

Essays zu:
Ingeborg Bachmann
Antonia S. Byatt
Annette von Droste-Hülshoff
Gustave Flaubert
Friederike Mayröcker
Michèle Métail
Marcelle Sauvageot
Gertrude Stein
Virginia Woolf

„Das ist er, der unverwechselbare Draesner-Sound, schon oft vernommen, doch immer wieder neu und unerhört.“ Berliner Zeitung zu Spiele

Textauszug | Kritik

try see, try say

Sprachwandern mit Gertrude Stein

Dass man mit einer fremden Sprache anderes sehen kann, nicht nur anders sprechen, dass Welt neu erscheint, dass das Wahrnehmungsraster ausgewürfelt wird, die Gitter und feinen Netze, die das Sprechen uns über die Welt wirft - mit dem Sprache uns über die Welt wirft - dass sie sich verschieben, Knotenpunkte sich auflösen, neue gebildet werden, bad heißt nicht Bad, aber gut ist good, dass sich mit einer fremden Sprache die eigene Person verändert, größer wird, hier, kleiner dort, dass sogar die Stimme tiefer rutscht oder höher, während der sogenannten Muttersprache eine Sprache zur Seite tritt, die - manchmal - gelernt wird von selbst gefundenen geliebten Menschen, aus Büchern, von Schriftstellern, dass die Welt sich darunter aufwirft in honeysuckle, shadows and dreams, rhyming slang sowie das verzweifelt gesuchte Wort für Steckdose (!), dass man sich dadurch bereichert, aber auch etwas verliert, nämlich die selbstverständliche Verankerung im Deutschen, dass es neben dem Hineinweg in die Fremdsprache auch einen Rückweg geben muss und beides erfunden gehört, all dies lässt sich aus Büchern wissen, aber am eigenen Sprechorgan, im eigenen Leben erfahren, läuft es auf eine Faltung hinaus. Einmal ist man nun hinuntergetaucht in den Bereich, in dem Sprache ihr Netz zeigt - wo sie sich zu sich selbst verrückt und nachdenkt, über sich. Was dieser Zustand einer erfahrenen Verrückung mit dem Schreiben - eigenem oder übersetzendem - zu tun hat, und in welch spezifischer Form er bei Gertrude Stein erscheint, versucht das folgende, mehr tastend denn wissend, in den Blick zu nehmen.

Ich lernte Englisch, als ich mit 21 nach Oxford kam, um dort zu studieren, fünf Jahre Schulenglisch floppten im Hinterkopf. Als ich dastand, nichts verstand, zappelte, ein an Land gezogener Fisch.

This is the way they talked. Who said which first. If he said which first, which which did he say first. He scratched his head and he said, for me just for me I like which first. (Gertrude Stein, The First Reader, Ritter Verlag 2000, S. 44)

Die Porters im College fanden mich sehr komisch. Später konnte ich hören, dass sie aus Nordengland kamen. Damals konnte ich noch nicht einmal sehen, wie sie sprachen. Ja, die Mundbewegungen und die dadurch erzeugten Laute schienen nicht zusammenzuhängen. Ich wollte einen Adapter für die Steckdose. Ich fuchtelte mit den Händen. Sie lachten. Ich sprach englisch, aber sie merkten es nicht. Panik, bei mir; ein toller Spaß für sie. Ein anderer Student half mir schließlich. Er studierte classics, also Altphilologie, und holte sich seine Portion Sprachspaß in der Porters‘ Lodge. Ich fand es schrecklich und mich absolut dämlich. Wie sollte ich da je studieren, je einen Abend mit anderen verbringen, denn im Pub, Geräuschgeklingel aus Stimmen, Musik und Gläsern, war es am schlimmsten. 364 öde Tage und Nächte lagen vor mir, das stand fest.

This is the way they talked. Well that was very funny not just for money but that was very funny, very very funny. Then they began to think well not really to think, you know what thinking is, you look up and you look down and you think and when you think well when you think you know which says which first. Each one who thinks thinks he said which first. (S. 44)

Lust an Sprache – schön und gut. Lust an Sprache bei Gertrude Stein: sehr schön und sehr gut. Doch Lust an Sprache hat eine Kehrseite, immer. Sie heißt Panik.
Endgültig aus Sprache herauszufallen, wäre unser Ende. Lust an Sprache entsteht, wenn auf diese Gefahr gespielt wird. Weil Lust an Sprache, sinnlich wie alle Lust, eben damit jongliert, dass Sinne versagen, sich verzerren, etwas vorgaukeln, einer ein Narr wird. So ist Sprache lustvoll dort, wo jemand wie Zettel, der Handwerker-Esel aus dem Midsummer Night’s Dream, die Königin der Feen liebt. In Verwischung, Gaukelei und Halluzination wird Sprache lebendig, begleitet vom Spiel mit der Bedrohung, alle Verständigung zu verlieren. Wenn sich einer am Kopf kratzt und nicht mehr weiß, welches which which ist oder war da doch eine Hexe (which witch?) im Spiel.

Auszug aus dem Essay
Madame Bovary, c’est moi
Gustave Flaubert versucht die Lektüre der Frauen

Flauberts Papagei heißt Julian Barnes’ wunderbarer Biographieroman über das französische Sitten-, Provinz- und Frauenschreibgenie, verfasst von einem akribischen, wenn auch etwas melancholischen britischen Arzt. Dieser fiktive Fan der wirklichen Welt eines bereits sehr toten Autors entdeckt in Rouen zwar ein taubenverdrecktes Denkmal Flauberts, ansonsten jedoch fast nichts. Das Haus in Croisset ist längst abgerissen, allein im Hotel-Dieu, jenem Hospital, in dem Vater Flaubert als Chirurg arbeitete und der hübsche blonde Gustave, einziger überlebender Sohn, aufwuchs, finden sich endlich einige Memorabilia. Gemälde zeigen, wie das Objekt der Begierde mit 29 Jahren fast alle Haare verlor, unansehnlich und dick wurde (Syphilis? normaler Alterungsprozess im 19. Jahrhundert?), zudem sind Zeitungsartikel des jungen sowie das Tabakgefäß des alt gewordenen Autors ausgestellt. Endlich stößt der frisch verwitwete, selbst also durchaus liebesgeschädigte Brite, der keine Mühen scheut, im untersten Fach einer Vitrine, sozusagen als Bückware, auf einen Papagei. Er soll Flauberts Erzählung Un Cœur Simple inspiriert haben, sprich, jener ausgestopfte Feder- und Mottenbalg sein, den der französische Autor auslieh, um ihn während des Schreibens zu betrachten. Schon das ist reizvoll: der Verfasser schrieb seinen lebenden, wenn auch fiktiven Papagei nach dem Bild eines ausgestopften, bis er das Tier nach drei Wochen nicht mehr ertrug. So weit, so wunderbar, auch für Barnes’ Hauptfigur, säße da nicht, so unerwartet wie infam, in Flauberts Pavillon zu Croisset ein zweites ausgestopftes Wesen der Gattung Aar, grün wie das erste. Auch dieser Papagei will, natürlich, das Original gewesen sein.

Das ist von Julian Barnes doppelt schlau eRdacht: als Bild für jenen, der den Spuren eines Autors als biographischer Person nachjagt, sowie als Zeichen für den Schriftsteller selbst, der spricht, wie er andere hört, der Stimmen gibt und doch zugleich seiner Sprache misstraut, der, wie Flaubert, mit der Frage nach Original und Kopie spielt und dabei den munteren Wechsel der ihm nahekommenden Frauen durchaus zu schätzen weiß: Apropos Nähe: eben in Bezug darauf folgt dem, beiden Geschlechtern nicht abgeneigten, angeblich hünenhaften Gustave (Barnes: er war 1,80 m) ein Satz, von dem sich unschwer sagen lässt, er sei so real wie Papagei 1 und Papagei 2 zusammen genommen – sein eigener berühmtester Ausspruch, der von jeher die Bewunderung auch all jener erregte, die nichts anderes lasen als ihn: „Madame Bovary, c’est moi“.

Das ist griffig und klar, und erfreute heute das Herz jeder Marketing-Agentur. Doch kaum spricht man die Behauptung laut, zeigt sich wieder einmal: die Kursivsetzung zweier Worte lässt sich nur schlecht artikulieren. Denn was sagte Flaubert? Hieß es nicht vielleicht doch „Madame Bovary, das bin ich?“ Also: Ich bin mein Roman? Das wäre zwar etwas bedenklich (Autor hält sich für sein Produkt - déformation professionelle oder tiefere Einsicht?), doch viel spektakulärer ist es natürlich, den Autor sagen zu lassen: diese junge, hübsche, lustvolle Frau bin ich. Denn mir ist, offenen Auges, gelungen, was Teiresias, Seher der Griechen, mit Blindheit bezahlte: ich bin hinübergerutscht ins andere Geschlecht.

Das kleine Karussell der Projektion

Kaum war Madame Bovary 1857 veröffentlicht, wurden Roman und Autor wegen Verstoßes gegen die guten Sitten vor Gericht gebracht. Zugleich stieg die Anzahl begeisterter Briefe an Flaubert, in denen Leserinnen seine Einfühlung in die Frauenseele priesen. Dieses Lob allerdings ist mit Vorsicht zu genießen. Zum einen gibt es viele gute Gründe, aus denen Frauen erfolgreichen, allemal erfolgreich sittenlosen Autoren glühende Briefe senden. Flaubert behauptete dann auch sogleich, er sei eine Echse, die ihr Leben damit verbringe, sich in der Sonne der Schönheit zu wärmen. Diese durchaus auch weibliche Schönheit entstand zu seinen Schreibzeiten jedoch noch immer fast exklusiv durch virilen Sonnenschein: Lichtwurf und Wärmeinfusion aus männlicher Feder. Frauen damals (und jetzt?) waren daran gewöhnt, vom anderen Geschlecht geschrieben zu werden; männliche Texte zeigten ihnen, wie „Weibliches“ „innen“ war. So konnten sie sich natürlich auch in Emma wiederfinden, obwohl – für heutige Leser geradezu überdeutlich – die Erzählinstanz vielfache Ironiesignale setzt. Sie erkannten Emmas Langeweile, ihre Gefühle (gerade, weil sie so konventionell sind?), ihr ebenso (konventionelles) Reagieren, ihre Eitelkeit, aber auch ihre Verzweiflung. Denn jenseits der Provinzsitten, die Flaubert ebenso lächerlich macht wie Emmas Vorliebe für romantische Klischees, die sie schlechter Literatur entnimmt, zeichnet der Roman auch das Bild einer halb selbst, halb fremd verschuldeten Unmündigkeit. Kants Definition der Aufklärung als Ausgang des Menschen aus derartiger Unmündigkeit ist damals bereits gute 70 Jahre alt; in Flauberts Roman sieht man, wie, wo und für wen der Appell nicht gelten sollte.

Der Satz “Madame Bovary, c’est moi?” ist wunderbar vielsinnig. In jeder seiner möglichen Bedeutungen bezieht er sich auf das Lesen schöner Frauen: in seiner Klischiertheit, in seiner Spiegelung um ein „c’est“, in seinem papageienhaften Schillern, in der Suche nach Sprache, das er hören lässt, und nicht zuletzt darin, wie er über seinen Autor spricht. Denn „Madame Bovary, das bin ich” ist auch ein Satz, an dem man ablesen kann, wie das eigene Nachleben über einen Autor hinwegflutet. Hier trennen sich die biographische Figur G.F. und der Schriftsteller: egal, was der historische Flaubert wirklich sagte – wenn eine Mehrheit daran glauben will, wird auch Nichtgesagtes zum Bestandteil einer Autorenfigur. Schwarz auf weiß setzte den Satz übrigens Flauberts erster Biograf in die Welt: er bekannte 1909, fast 30 Jahre nach Flauberts Tod, dass er jemanden gekannt hatte, der jemanden gekannt hatte, der – den Papagei entlieh, also

Flaubert diesen Satz sagen gehört haben wollte.

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

Das Schöne daran: jede dieser Versionen ist richtig. Denn Monsieur Flaubert war nicht Madame Bovary, sondern der Autor des so betitelten Romans, als der er Madame Bovary werden wollte und musste, nämlich seine Protagonistin – und alles andere in diesem Roman. Ebendies erfuhr Flaubert im schwierigen Schreibprozess der Madame mit besonderer Nachdrücklichkeit, denn der Roman ging ihm gegen den Strich. Eine Ahnung davon, wie sehr, vermitteln seine zahlreichen Briefe an die Geliebte Louise Colet.

Louise: eine über Jahre hinweg aufrechterhaltene, humpelnd schmerzvolle Affäre. Man traf sich auf halbem Weg zwischen Croisset und Paris, Flaubert musste dafür mit der ihm verhassten Eisenbahn fahren. Colet wollte mehr Nähe, er weniger; es gab Streit, man sah sich, doch, wieder, das Feuer flackerte auf. Nicht selten freilich ...

Textauszug | Kritik

Rezension D-Radio, 29.11.2007

„Schön ist es, in romantische Gedichte einzutauchen, über Ingeborg Bachmanns Erzähliungen nachzudenken oder die Steinschen Wortspiele zu verfolgen. Draesner liefert nicht nur eine Werksammlung von neun bekannten SchriftstellerInnen, sie beschreibt auch persönliche Erfahrungen und fesselt mit ihrer einzigartigen, intelligenten Ausdrucksweise.“

www.aviva-berlin.de