Textauszug | KritikSonett VIIreisegruppe, ins haar der berenike zerstreut, im innern woher? - fünf kellnerinnen nehmen - was aus wenig doch rindige weiche helligkeit unterm metall ihrer weglosigkeit, dem gehen im kraut der zeit. wo sie phantasiert, Textauszug | KritikFluchtwege aus dem Maul der EchseWortwirbel und Formkraft: Ulrike Draesner ... Der Zyklus verfolgt die Prozeß des sanften Sinterns von Wasser durch Mauern im Keller eines verlassenen Hotels. Adjektive des Zerfalls werden gehäuft, variiert, aufgelöst und wieder aufgenommen. Sie umkreisen Strömungen, die auf inner Welten deuten: unbenutzt, bröckelnd, zerschlagen, geborsten, rattendurchsetzt, unbetreten, erstarrt, vergessen, leer, spurlos, gepreßt. Das wirkt zusammengenommen wie die Metapher eines menschlichen Daseinszustandes. De Sprache folgt in wortschöpfenden Wirbeln einem wuchernden Nichts durch kafkaeske Räume. Absurd ist die Bewegung einer Reisegruppe, die durch ein "krüppelheim" der Einsamkeit und Zerstörung geführt wird. Konsequent werden die "parallelleben" filigraner Innenwelten durch den Strudel der äußeren Form getrieben und am Ende gebündelt. ndl 5/1999 Die Worte und die Dingevon Jochen Hörisch Gedichte macht man - wie man seit Mallarmés schlagender Auskunft weiß - nicht mit Ideen, sondern mit Worten und Buchstaben. Die 1962 geborene poeta docta Ulrike Draesner kombiniert diese avantgardistische Maxime mit der klassischen Sonettform. Und heraus springen 15 kunstvoll ineinander verschlungene Gedichte, genauer Kettengedichte, deren jeweils letzte Zeile zur ersten Zeile des folgenden Sonettes permutiert. Ein Sonett hat bekanntlich 14 Zeilen (je zwei Quartette und Terzette). Und so ist das letzte und fünfzehnte Gedicht überzählig. Oder eben gerade nicht: es versammelt doch formvollendet Schluss- bzw. Startsätze der vorangehenden Gedichte, um sie zum finalen Telos-Sonett zu kombinieren - auf dass zum Text-Gewebe werde, was zuvor Ansammlung von Wörtern und Worten war. All das ist sehr kunstvoll gemacht. Natürlich kann man solche Textgewebe,
je nach Urteilslust, auch artifiziell nennen. Von rätselhaft schöner
Stimmigkeit sind die fünfzehn Sonette zweifellos. Und das verdanken sie
natürlich dem Umstand, dass ihr Wörterreigen einem ideenreigen entspricht.
Die sprachlichen Fragmente, die die einzelnen Gedichte häufen, handeln
von steinernen Fragmenten, von Ruinen. Ruinen sind die Orte, an denen deutlich
wird, dass Natur sich zurückholt, was Menschen ihr abgetrotzt haben.
An Ruinen erfahren triumphalistisches Denken und selbstbewußte Technik
ihren Ruin. [Ulrike Draesners] Gedichte sind wohl deshalb so faszinierend, weil sie ganz bewusst und buchstäblich Poesie sind, weil sie "gemacht" und konstruiert sind - wie Gebäude, bevor sie zu Ruinen werden. Draesner aber kehrt diese Entropiebewegung um. Ihr Schlußsonett ist aus den Wortsplittern konfiguriert, die die vorangehenden Gedichte aufgelesen haben. So bewährt sich der Titel des Bandes. Ist das rätselhafte Wort "anis-o-trop" doch der Begriff, mit dem das Phänomen beschrieben wird, dass Pflanzen und Kristalle unter ähnlichen Bedingungen verschiedene Wachstumrichtungen annehmen. NZZ, 17. Dezember 1997 |