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anis-o-trop

anis-o-trop

Sonettkranz
Rospo Verlag 1997

Textauszug | Kritik

Sonett VII

reisegruppe, ins haar der berenike zerstreut, im innern
laufen pulse an knochen entlang, stellt das hotel
stakt mit auslösern an, was sich versehen läßt durch
dieses verkratzte objektiv, beschlagen von atem von außen -

woher? - fünf kellnerinnen nehmen - was aus wenig
besteht, uns, in empfang, gelangweilt schon, bevor wir
kamen, oder sind es puppenbeine, ein verportes areal, das sich
uns - zellspur, beziffert - bereits als programm serviert?

doch rindige weiche helligkeit unterm metall ihrer
brust, ihres atems, steht gesicht zur wand, austariert,
sie, in ihr wohin, verschmolzen schon der unferne, der

weglosigkeit, dem gehen im kraut der zeit. wo sie phantasiert,
sich verhakt in ihrer gelweste aus lungen und herz,
weich wie ein käfer von unten, der plötzlich aus der schachtel
flektiert, über den rand stürzt.

Textauszug | Kritik

Fluchtwege aus dem Maul der Echse

Wortwirbel und Formkraft: Ulrike Draesner
von Dorothea von Törne

...
Welches poetische Muster ist schwieriger zu meistern als der Sonettenkranz, bei dem das jeweils nächste Gedicht die letzte Zeile des vorigen wieder aufgreift und dessen letztes, fünfzehntes Sonett aus den Anfangszeilen der vierzehn vorausgegangenen besteht? Die Reime hat Ulrike Draesner aufgelöst zugunsten anderer Sprachklänge: Assonanzen und Alliterationen. Ein wohltönendes, durchkomponiertes System ist so entstanden, ein virtuoses Sprachspiel. Es setzt der Ästehtik des Verfalls, der Trauer und der Vergeblichkeit allen Tuns eine Grenze durch Form. Die wirkt wie ein Halt angesichts des Kernsatzes "... in wirklichkeit ist es zu spät, um zu wissen, ob man / im maul der echse - ist".

Der Zyklus verfolgt die Prozeß des sanften Sinterns von Wasser durch Mauern im Keller eines verlassenen Hotels. Adjektive des Zerfalls werden gehäuft, variiert, aufgelöst und wieder aufgenommen. Sie umkreisen Strömungen, die auf inner Welten deuten: unbenutzt, bröckelnd, zerschlagen, geborsten, rattendurchsetzt, unbetreten, erstarrt, vergessen, leer, spurlos, gepreßt. Das wirkt zusammengenommen wie die Metapher eines menschlichen Daseinszustandes. De Sprache folgt in wortschöpfenden Wirbeln einem wuchernden Nichts durch kafkaeske Räume. Absurd ist die Bewegung einer Reisegruppe, die durch ein "krüppelheim" der Einsamkeit und Zerstörung geführt wird. Konsequent werden die "parallelleben" filigraner Innenwelten durch den Strudel der äußeren Form getrieben und am Ende gebündelt.

ndl 5/1999

Die Worte und die Dinge

von Jochen Hörisch

Gedichte macht man - wie man seit Mallarmés schlagender Auskunft weiß - nicht mit Ideen, sondern mit Worten und Buchstaben. Die 1962 geborene poeta docta Ulrike Draesner kombiniert diese avantgardistische Maxime mit der klassischen Sonettform. Und heraus springen 15 kunstvoll ineinander verschlungene Gedichte, genauer Kettengedichte, deren jeweils letzte Zeile zur ersten Zeile des folgenden Sonettes permutiert. Ein Sonett hat bekanntlich 14 Zeilen (je zwei Quartette und Terzette). Und so ist das letzte und fünfzehnte Gedicht überzählig. Oder eben gerade nicht: es versammelt doch formvollendet Schluss- bzw. Startsätze der vorangehenden Gedichte, um sie zum finalen Telos-Sonett zu kombinieren - auf dass zum Text-Gewebe werde, was zuvor Ansammlung von Wörtern und Worten war.

All das ist sehr kunstvoll gemacht. Natürlich kann man solche Textgewebe, je nach Urteilslust, auch artifiziell nennen. Von rätselhaft schöner Stimmigkeit sind die fünfzehn Sonette zweifellos. Und das verdanken sie natürlich dem Umstand, dass ihr Wörterreigen einem ideenreigen entspricht. Die sprachlichen Fragmente, die die einzelnen Gedichte häufen, handeln von steinernen Fragmenten, von Ruinen. Ruinen sind die Orte, an denen deutlich wird, dass Natur sich zurückholt, was Menschen ihr abgetrotzt haben. An Ruinen erfahren triumphalistisches Denken und selbstbewußte Technik ihren Ruin.
...

[Ulrike Draesners] Gedichte sind wohl deshalb so faszinierend, weil sie ganz bewusst und buchstäblich Poesie sind, weil sie "gemacht" und konstruiert sind - wie Gebäude, bevor sie zu Ruinen werden. Draesner aber kehrt diese Entropiebewegung um. Ihr Schlußsonett ist aus den Wortsplittern konfiguriert, die die vorangehenden Gedichte aufgelesen haben. So bewährt sich der Titel des Bandes. Ist das rätselhafte Wort "anis-o-trop" doch der Begriff, mit dem das Phänomen beschrieben wird, dass Pflanzen und Kristalle unter ähnlichen Bedingungen verschiedene Wachstumrichtungen annehmen.

NZZ, 17. Dezember 1997